Na, na, naaaa: Türkmen! oder „Wir kommen“

cundar
[Das Intro bitte mit der Titelmelodie von Batman aus den 60ern anhören [hier klicken für YouTube])]
Hier kommt er, der unerschrockene Retter der Ehre des Türkentums: Inan Türkmen.
Der „Vorzeigemigrant“ hat ein Buch geschrieben, das heißt: „Wir kommen“. Warum er es nicht gleich „Wir sind schon da!“ genannt hat, soll jetzt aber nicht erläutert werden, genauso wie der eigentliche Inhalt –  denn ich habe das Buch nicht gelesen. Es geht darum, was über das Buch geschrieben wird, wie es angepriesen wird und warum seine Provokation wieder auf ein Klischee anspielt, das der Autor vielleicht nicht ansprechen wollte.

Zunächst doch kurz, was in diesem Buch geschrieben steht: Es geht um „die Türken“. Die „Türken“, wie wir (Bio-Deutschen/-Österreicher) sie nicht kennen. Dem Kopftuch-Mütterchen- und Sozialschmarotzer-Tatsachen/Klischee setzt der Autor nun andere Tatsachen/Klischees entgegen. Z.B. dass der „Frauenanteil im Topmanagement in der Türkei fünfmal so hoch ist wie in Mitteleuropa“ und Türken im Chaosmanagement „besser“ sind. Der Autor will provozieren, damit er gehört wird. Deswegen sagt er konsequent „“wir“ und „ihr““.

Über die Person des Autors wird beim ORF geschrieben:

„Der 24-Jährige ist in Österreich geboren und zunächst ohne Rassismus aufgewachsen, wie er betonte. Erst als Jugendlicher sei er damit konfrontiert worden. Und er sei deshalb oft wütend, traurig und enttäuscht gewesen. „Aber Wut muss ja nicht was Schlechtes sein. Ich habe ein Buch geschrieben und versucht, diese Wut in Worte zu fassen“, sagte Türkmen.“

Bei diepresse heißt es:

„Aber der 25-Jährige kennt auch die Schattenseiten der Migration – bei Gelegenheitsjobs unter anderem am Bau und auch im Alltag machte der gebürtige Linzer immer wieder Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und interkulturellen Konflikten. Und seine Identität nahm er immer wieder als Stückwerk aus verschiedenen Einflüssen wahr – da sind die kurdischen Wurzeln, da ist die türkische Sprache, in der Schule gilt er als Moslem, auch wenn er eigentlich Alewit und überhaupt nicht religiös ist. Seine kulturelle Prägung abseits des Elternhauses erfährt er in Oberösterreich. Und in diesem Wirrwarr an Identitäten hört er immer wieder die Aufforderung, dass er sich anpassen soll“

Kurde, Alewit, in Oberösterreich großgeworden und jetzt ein Buch schreiben, das ausgerechnet die Türkei, die Türkei!, hochjubelt? Ich weiß nicht, ob er weiß, dass ihm allein durch den Titel und seine Aussagen ein ausgesprochen nationales Werk gelungen ist. Er blickt mit Sorge auf die Religionspolitik, die unter Erdogan begonnen hat, gibt aber auch klar zu:

„Eine Stärke der Türken ist, dass man die Wurzeln nicht vergisst. Von 50 Türken, die ich kennenlerne, sind 48 immer noch verankert in ihren Wurzeln – und das ist etwas sehr Gutes. Wenn man es nur darauf konzentriert und sagt: „Ich bin Türke, also spreche ich nur Türkisch und kein Deutsch“, dann ist es schlecht. Aber wenn man beides hat, dann ist es gut. Meine Freunde, meine Familie und ich, wir sind genauso Türken wie die Türken in der Türkei – aber wir sind „besser“, weil wir beide Kulturen kennen.“

Ein Türke, der seine Wurzeln nicht vergisst! Jawoll! Diese Volkstreue vermisse ich bei einigen meiner Volksgenossen/innen. Nur die leben zum Teil immer noch im Land ihrer Vorväter und haben schon vergessen, „wo sie dazugehören“. Wohin Türkmen gehört, erschloss sich mir nach der Durchsicht der Artikel immer noch nicht. Was an ihm türkisch ist, beantworte er äußerst knapp und… irritierend:  „Mein Essen, mein Bart, meine Haare. Ich liebe die türkische Küche, den türkischen Fußball. Und mein Ehrgeiz ist auch sehr türkisch.“
Also ist er Türke? Warum ist ihm das türkische Volkstum so viel näher, als das, was er von Kindesbein erlebt hat, das Österreichische? Vielleicht weil er davon ausgegrenzt wurde und es nicht bewusst gelebt wird?

„Egal, ob ihr die Türkei mögt oder nicht, ob ihr uns türkische Migranten integriert, oder nicht, ob ihr die Türkei in der EU haben wollt, oder nicht: Der türkische Einfluss in Europa wird steigen. Denn wir sind jünger, hungriger und euch zahlenmäßig überlegen“, schreibt er provokant.“

Auf n-tv wird er genauer und auch beschwichtigender:

n-tv.de: Ihr Buch über die Türkei heißt: „Wir kommen“. Was erwartet Europa?
Inan Türkmen: Der Einfluss und die Stärke der Türkei wird wachsen – und zwar gleichgültig ob Europa uns integrieren will oder nicht.
Ist das eine Kampfansage? Muss  Europa Angst haben?
Nein, es muss sich niemand fürchten. Wir reden ja nicht von einem Krieg oder einer Schlacht, sondern von einem friedlichen Kampf, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Aber der bringt Vorteile für die Türkei ebenso wie für die anderen europäischen Länder. Beide Seiten werden davon lernen und profitieren.
Inwiefern?
Sehen Sie sich die Einkaufsstraßen in den großen westeuropäischen Städten an. In Hamburg, in Berlin, in München: Da finden Sie türkische Designermode, türkische Geschäfte, da befruchten sich die Kulturen. Aber die deutsche Wirtschaft verdient auch in der Türkei mit. Immer mehr Firmen nisten sich in der Türkei ein und profitieren vom Aufschwung. In der Türkei sind rund 4700 deutsche Firmen aktiv, die fast fünf Milliarden Dollar investiert haben.“

Der Standard schreibt bei seiner Rezession (Unter dem Titel: Dritte Türkenbelagerung und die Sehnsucht nach Cordoba) so:

„Es braucht nur zwei Sätze, um Inan Türkmens „Wir kommen“ zusammenzufassen. Erstens: Der Anteil der TürkInnen in Europa nehme zu. Zweitens: Das sei eine gute Nachricht, denn Menschen aus der Türkei seien jung, ehrgeizig, familienbewusst, echt cool, nicht so oft betrunken und jedenfalls seltener depressiv.
Auf 96 Seiten gibt der 24-jährige Betriebswirtschafts-Student, Sohn eines Schweißers und einer Putzfrau aus Linz, „die österreichische Antwort auf Thilo Sarrazin“ – zumindest lautet so der etwas verkrampfte Versuch des Verlags, sich Rückenwind durch den deutschen Populärsachbuch-Superseller zu verschaffen.
Jünger, größer, stärker
Wie Sarrazin erklärt auch Türkmen „die Türken“ zu einer homogenen Gruppe – und damit meint er alle türkeistämmigen Menschen, egal ob in der Türkei oder in der Diaspora lebend, egal ob erste, zweite oder dritte Generation. Diese Gruppe weise gewisse Eigenschaften auf: TürkInnen seien strebsamer, sie hätten mehr Gespür für technologische Neuerungen, sie seien stolz auf ihre Wurzeln, die türkische Bevölkerung sei jünger und wachse zügig, deren Wirtschaft auch, und das alles werde dazu führen, „dass sich die Türken in Europa durchsetzen“, so Türkmen.“

Eine Programmschrift sei es aber nicht, schreibt der Sezessionist, eher Selbstironisches:

„Türkmen formuliert flapsig, oft selbstironisch, witzelnd. Zum Stellenwert der Türkenbelagerung im österreichischen Geschichtsverständnis heißt es hier: „Die Schweden, Franzosen und Preußen haben Österreich auch angegriffen, aber Schwamm drüber. Daran denkt keiner mehr. Viele Österreicher denken lieber an die Türkenbelagerung, weil sie in diesem Fall gewonnen haben. Das ist für sie so ähnlich wie Argentinien 1978, als sie bei der Fußballweltmeisterschaft Deutschland mit 3:2 geschlagen haben.“

Die „österreichische Antwort auf Thilo Sarrrazin“ (Verlag) sollte die Weitsicht haben, zu erkennen, dass er mit seiner Schrift oder zumindest wie darüber geschrieben wird, noch mehr der Eindruck entsteht, dass eine Kolonialisierung Mitteleuropas vom Bosporus aus geschieht. Der friedliche Kampf wird vollzogen indem sich die türkische Volksgemeinschaft langsam über den Kontinent ausbreitet. Der fremdstämmige Akademiker, der „Vorzeigemigrant“, der hier aufwächst, aber sich bewusst für die Heimat seiner Eltern entscheidet, ist die Freude unserer Multikulti-Anhänger, da er ja beide Kulturen hat, aber doch nur eine Renegat für jeden „Ureinwohner“, da er sich nicht zum Aufnahme-Volk bekennt und die hier erlangten Fähigkeiten vermeintlich gegen sie einsetzen wird. Er unterstützt dadurch ein biologistisches Weltbild, wofür er von jedem seiner Förderer, würde es von einem „Mitteleuropäer“ ausgehen, als „Nazi“ gebrandmarkt worden wäre.

Denn dem „Ureinwohner“ in Deutschland und Österreich wird versagt, auf was Türkmen so stolz ist und positiv an seinem Volk findet: Wir dürfen nicht „jung, ehrgeizig, familienbewusst, echt cool, nicht so oft betrunken, jedenfalls seltener depressiv“ sein und  unsere Wurzeln als etwas „Gutes“ ansehen. Das verbieten uns die Menschen, die ihm seine Existenz ermöglichen. Auf ihn deswegen böse zu sein, wäre deswegen von Grund auf falsch, denn das wäre nur Neid (FPÖ-Politikerin Dagmar Belakowitsch-Jenewein meinte, die Aussagen sei eine „Provokation am österreichischen Volk, oder vielleicht für ganz Mitteleuropa“).

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Über cundar

Cundar wurde 1988 in Oberfranken geboren und gehört der gemeinen 3. Generation mit Migrationshintergrund (Niederschlesien) an. Während seiner Schullaufbahn konnte er nahezu alle Facetten des deutschen Schulsystems kennenlernen und erlangte dadurch schon einen kritischen Blick auf Abläufe und Zusammenhänge im System BRD. Sein näheres Umfeld, Zivildienst und Pfadfinder prägten sein Verständnis von Gemeinschaft. Seit 2009 studiert Cundar eine sehr interdisziplinäre Fachrichtung im Osten der Republik.

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