Genau hingeschaut: „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“

Reisig

Das Thema Integration von Muslimen in Deutschland treibt nicht nur unsereinen jeden Tag auf der Straße um, sondern es ist auch Forschungsgegenstand der Sozialwissenschaften. Die Bundesregierung glaubt offenbar, dass einige Fachleute ganz genau wissen, was für unser Land in Fragen der Integration am besten ist. Und deshalb hat das Bundesinnenministerium eine Studie über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ herausgegeben, in der ein paar Wissenschaftler uns einfältigen Normalbürgern zeigen wollen, dass die Wissenschaft das alles viel besser weiß als wir. Werfen wir nun einen Blick in die „Praktischen Anregungen“, in denen das Werk nach über 600 Seiten gipfelt (Zitate in kursiv):

Der islamische Fundamentalismus wird als besonders traditionelle, aber nicht totalitäre und nicht gewaltbereite  Form des Islam dargestellt, die von der deutschen Gesellschaft nicht abgelehnt werden darf. Dem wird der islamistische Extremismus als mit unserer demokratischen Grundordnung unvereinbar gegenübergestellt – er ist also wirklich „böse“. Bekämpfe man nun neben dem Extremismus auch den Fundamentalismus, versage man friedlichen Muslimen die Teilhabe an unserer Gesellschaft und dränge sie in den Extremismus ab und damit in die Hände von Al Kaida u.a.

  • Es besteht also keine Notwendigkeit, Religiosität per se als problematisch anzusehen. Um islamistischer Radikalisierung vorzubeugen, scheinen allerdings gesellschaftliche Initiativen angebracht, die den Aufbau einer positiven bikulturellen Identität erleichtern, um so kultureller Entwurzelung entgegenzuwirken. Damit dies im Falle der Muslime in Deutschland gelingt, muss sowohl eine positive Orientierung zur Aufnahmekultur möglich sein als auch Raum für eine positive Bindung an die Herkunftskultur und -religion gegeben werden. Hier sind Staat und Gesellschaft gefragt, entsprechende Orientierungen und Bindungen zu ermöglichen und zu fördern.

In der Studie wird gefordert, dass die Zuwanderer sich also nicht etwa zwischen ihrer Herkunftskultur und der deutschen Kultur entscheiden sollen, sondern einfach beiden Kulturen nebeneinander angehören sollen. Der Druck zum Ablegen der Herkunftskultur wird als „Entwurzelung“ verstanden, die für den islamistischen Extremismus empfänglich macht. Es besteht also unter Assimilationsdruck die Gefahr einer überschießenden Gegenreaktion, einem Umschwung vom traditionellen in den extremen, intoleranten Islam. Die daraus resultierende Forderung ist jedoch ein dicker Hund: Der deutsche Staat und die deutsche Gesellschaft sollen den Muslimen Raum für eine Bindung an ihre Herkunftskultur geben. Das klingt absurd und das ist es auch. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass Zuwanderer uns fremd bleiben. Viel näherliegend ist es, das Angebot der Aufnahme in unsere Kultur deutlicher auszusprechen. Es kommt nämlich stark darauf an, WIE man Integrationsdruck aufbaut. Wenn man das offen und freundlich tut, wird man mehr Erfolg haben und weniger Selbstmordattentäter dabei hervorbringen als wenn man den Zuwanderern abweisend oder desinteressiert begegnet.

  •  Das wissenschaftliche Verständnis von „Integration“ unterscheidet sich offensichtlich vom alltäglichen Verständnis vieler Menschen, vor allem aus der Mehrheitsgesellschaft. Während Integration im wissenschaftlichen Sinne das gleichzeitige Bewahren der Kultur(en) der Migranten sowie die Akzeptanz und Übernahme der deutschen Kultur (und Sprache) bedeutet, wird im Alltagsgebrauch häufig nur der zweite Aspekt betont, der Wunsch nach Anpassung der Migranten an die deutsche Mehrheitskultur. Dieser Wunsch entspricht aber (in unserem wissenschaftlichen Verständnis) eher einem Wunsch nach „Assimilation“, also dem vollständigen Aufgeben der traditionellen migrantischen Herkunftskultur und dem völligen Übernehmen der deutschen Kultur, Normen und Werte.

Grauenhaft, wie diese Wissenschaftler glauben, besser als Otto Normalbürger zu wissen, was Integration zu sein hat! Um zu wissen, zu welchen Bedingungen man mit anderen Menschen zusammenleben will, braucht man kein wissenschaftliches Verständnis von Integration. Ich brauche auch keinen Soziologen, der mir erklärt, was ich mir von einem Gast in meinem Hause sagen lassen muss und was nicht. Das bestimme ich alleine, denn das ist mein gutes Recht. Und genauso ist es das Recht der Einheimischen zu bestimmen, wer unter welchen Umständen in ihrem Land leben darf.

  •  Integration – im besagten Verständnis – impliziert gegenseitige Bereicherung durch kulturelle Vielfalt, welche im Rahmen der gemeinsamen Europäisierung, der Globalisierung und der internationalen Kommunikations- und Massenmedien eine große Schnelligkeit und Dynamik erhalten hat. Diese Dynamik macht einigen Menschen aber auch Angst. Deshalb sollte man mit diesen kulturellen Veränderungen sehr bewusst umgehen und die Unumgänglichkeit und die potenziellen Vorteile kultureller Vielfalt kommunizieren und diskutieren. Letztendlich profitieren davon nicht nur die betroffenen Menschen(gruppen) mit und ohne Migrationshintergrund, sondern auch der „Standort Deutschland“ als moderner, toleranter, weltoffener und damit für die Welt attraktiver Staat mit Vorbildwirkung.

 Hier sehen wir, worauf die ach so wissenschaftlich fundierte Form der Integration hinausläuft: auf die Erhöhung der Attraktivität des „Standorts Deutschland“. Es geht mal wieder nur um wirtschaftlichen Wettbewerb: Wie kriegen wir die transnationalen Großkonzerne dazu, bei uns Arbeitsplätze zu schaffen? Dass dafür Kultur und Identität geopfert werden,  ist den meisten Politikern heutzutage wahrscheinlich schon gar nicht mehr bewusst und sie werden es erst merken, wenn sie unwiederbringlich verloren sein wird.

  •  Es ist notwendig, als deutsche Mehrheitsgesellschaft explizit klarzumachen, was Zuwanderer in Deutschland tun müss(t)en, um vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu sein. Selbstverständlich müssen sie, wie jeder, das deutsche Grundgesetz und andere deutsche Gesetze als Basis des Zusammenlebens in Deutschland anerkennen. Die Kenntnis der deutschen Sprache ist eine weitere unabdingbare Forderung an Menschen, die hier leben wollen.

 Keine Frage, wenn man in ein fremdes Land einwandert oder aus einem anderen Kulturkreis stammt, hat man mit inneren und äußeren Konflikten zwischen hier und dort, damals und heute zu kämpfen. Dafür sollten wir Verständnis haben, denn das ist nicht leicht. Aber Migration gab es schon immer, und so wurden diese Konflikte auch schon immer ausgetragen. Das ist ganz normal, man denke nur an die Hugenotten aus Frankreich und die Polen im Ruhrgebiet. Tun wir also nicht so, als wären die aus der Migration erwachsenden Probleme etwas Neues und wir stünden ratlos davor.

Sprache und Gesetzestreue sind also ein Anfang, aber wir sollten auch den Respekt vor der deutschen Leitkultur von denen erwarten, die dauerhaft unter uns leben wollen. Sie brauchen ja nicht gleich dem Islam abzuschwören, aber eine konstruktive Offenheit für die deutsche Mehrheitskultur können wir erwarten, und dass sich Einwanderer nach und nach tatsächlich anpassen.

  •  Migration ist heutzutage die Regel und nicht mehr die Ausnahme. Circa 25 Prozent der hier lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund, was ein klarer Beleg dafür ist, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Aber, anders als zum Beispiel in den USA oder Kanada, verstehen viele Menschen Deutschland nicht als ein solches und sehen Migration als ein nur zeitweiliges Ausnahmephänomen an. Das entspricht zwar nicht den Fakten, hat aber potenziell sehr problematische Auswirkungen auf hier lebende Migranten. Wenn diese von vielen Deutschen als „hier nur vorübergehend arbeitende Fremde“ betrachtet werden, verringert dies mit Sicherheit deren Integrationsbereitschaft, ihr Interesse an der deutschen Mehrheitskultur und ihren Kontakt mit den Deutschen.

 Da haben wir mal wieder den leidigen Vergleich Deutschlands mit den USA und Kanada. Alles, was über den Atlantik weht, wird von manchen wissenschaftlichen Kreisen als Offenbarung verstanden. Hier werden jedoch Birnen mit Äpfeln verglichen. Man muss auf der einen Seite Staaten wie Deutschland, Frankreich, Italien und Japan sehen, die seit vielen Jahrhunderten gewachsen sind und deren Bevölkerung traditionell aus einer ethnisch und kulturell einheitlichen Gruppe besteht. In solchen Staaten gibt es eine Gemeinschaft des Volkes, die auf einer langen gemeinsamen Geschichte beruht, die dieses Volk zusammengeschweißt hat. Andererseits gibt es Staaten wie die USA, deren Bevölkerung sich aus Einwanderern aus aller Welt zusammensetzt, so dass es viele Parallelgesellschaften gibt, die untereinander kaum sozialen Zusammenhalt haben. Ihre Motivation, zusammenzuhalten, erschöpft sich im Glauben an z.B. den „Amerikanischen Traum“, der jedem Einzelnen die Möglichkeit verspricht, reich und berühmt zu werden. Dass es in so einer Gesellschaft mit der Solidarität nicht weit her ist, ist in den USA ganz offensichtlich. Also: Deutschland hat ganz im Gegensatz zu den USA das Miteinander zu verlieren! Amerika hatte nie eines.

  •  Durch die Verhinderung der Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft werden den Betroffenen allerdings beim „richtigen Ankommen in Deutschland“ zusätzliche Hürden in den Weg gelegt. Eine doppelte Staatsbürgerschaft hätte auch potenziell positive Effekte in Bezug auf die soziale Identität von Migranten, denn doppelte Staatsbürgerschaft bedeutet zum Beispiel, dass „ich auch als Türke Deutscher sein kann“, dass Integration, inklusive der Akzeptanz der jeweiligen Herkunftsnation und -kultur, tatsächlich gewünscht ist.

Die doppelte Staatsbürgerschaft klingt verlockend, weil sie einen bestehenden Konflikt einfach wegdefiniert. Sie ist jedoch der Nagel zum Sarg der Nationalstaaten und der Loyalität der Menschen zu ihrem Staat und Volk. Dadurch wird der Zwiespalt zementiert, in dem schlecht integrierte Einwanderer stecken. Wenn sie sich nicht für eine Seite entscheiden, werden sie nie ankommen. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist eine träumerische Kopfgeburt weltfremder Linksintellektueller und Wirtschaftsliberaler, die keinen Schimmer von der Psyche menschlicher Gruppen haben.

  • Wir sollten allen, also natürlich auch Menschen mit Migrationshintergrund, in Deutschland Mitbestimmung ermöglichen (zum Beispiel durch aktive und passive Teilnahme an Wahlen, politische und zivilgesellschaftliche Ämter, …). Denn wer hier lebt, muss auch hier mitentscheiden können.

Das Thema Ausländerwahlrecht: Wenn wir jeden, der gerade in unserem Land lebt oder sich hier einfach nur für eine Weile aufhält, über unsere Politik mitbestimmen lassen, kommt dabei etwas heraus, was sich wahrscheinlich kaum noch mit den Interessen der Staatsbürger vereinbaren lässt. Und – abgesehen vom Asylrecht – allein die Interessen der Staatsbürger sind es, die vom Staat vertreten werden sollen. Angehörige anderer Staaten werden von ihren Regierungen vertreten. Damit erhält man eine Motivation von Zuwanderern aufrecht, sich zu integrieren, um politisch mitbestimmen zu können. Diesen Anreiz sollte der Staat nicht aus der Hand geben.

Alles in allem beweist die für das Innenministerium erstellte Studie eine realitäts- und menschenferne Weltanschauung. Wir werden nun davon ausgehen müssen, dass sich einfältige Politiker und sonstige Gutmenschen in ihrer Hörigkeit gegenüber der hohen Wissenschaft und ihrer zeitgemäßen Flucht ins Weltbürgertum an dieser Studie orientieren werden, wenn sie über unsere Zukunft entscheiden. Das wird Deutschland schaden. Es gibt aber ein Gegenmittel: Aufmerksamkeit und Aufklärung.

Quellen:

http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2012/junge_muslime.pdf?__blob=publicationFile

http://www.morgenpost.de/politik/article1917193/Muslim-Studie-Innenminister-will-Wogen-glaetten.html

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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