Zitat zum Sonntag: Aphorismen linker Kulturkritik

„Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“

„Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.“

„Das Ganze ist das Unwahre.“

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“

„Wir sagen und Ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen.“

„Nicht die letzte der Aufgaben, vor welche Denken sich gestellt sieht, ist es, alle reaktionären Argumente gegen die abendländische Kultur in den Dienst der fortschreitenden Aufklärung zu stellen.“

„Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“

„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“

„Jedes Kunstwerk ist eine abgedungene Untat.“

„Fremdwörter sind die Juden der Sprache.“

„Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.“

„Daß in der repressiven Gesellschaft Freiheit und Unverschämtheit aufs gleiche hinauslaufen, bezeugen die sorgenlosen Gesten der Halbwüchsigen, die ‚Was kost‘ die Welt‘ fragen, solange sie ihre Arbeit noch nicht verkaufen. Zum Zeichen dessen, daß sie auf niemand angewiesen sind und darum keinen Respekt haben müssen, stecken sie die Hände in die Hosentaschen. Die Ellenbogen aber, die sie dabei nach außen kehren, sind schon bereit, jeden zu stoßen, der ihnen in den Weg kommt.“

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus einem beschädigten Leben.

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Baut der Iran Atomwaffen? Muss uns das überhaupt interessieren?

Die erste Frage beschäftigt die Zeitungen; man könnte teilweise schon von Kriegstreiberei sprechen, wie z.B. in der ZEIT. Die zweite fällt unter das Merkelsche Tabu der besonderen Verantwortung Deutschlands für Israel. In dieser medialen und politischen Gemengelage ist der Reporter Klaus Kleber für das ZDF in den Iran gereist und hat den Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad befragt, um herauszufinden, ob dieser zu einem Einlenken in der Frage der Offenlegung des iranischen Atomprogrammes bereit ist. Auf diese Frage bekommt er keine zufriedenstellende Antwort. Aber in anderer Hinsicht ist das Interview sehenswert, denn Ahmadinedschad rührt an so manches Tabu unserer Zeit. Gleich zu Anfang der ZDF-Sendung sowie sicherheitshalber nochmal am Ende in ähnlicher Formulierung wird der Zuschauer darauf hingewiesen, dass Ahmadinedschad Aussagen macht, „die in Deutschland strafrechtlich relevant sind“. Danach geht kein weltanschaulich durchgeformter, politisch korrekter deutscher Fernsehkonsument mit Ahmadinedschads Aussagen mehr unbefangen um. Musste das sein? Im Folgenden einige Auszüge aus dem in Gänze durchaus sehenswerten Interview: Weiterlesen

Kauderwelsch: Der Islam gehört doch nicht zu Deutschland

Schon wieder! Pünktlich zur Islamkonferenz spricht Volker Kauder von der CDU etwas konservativer und sagt, dass der Islam „nicht Teil unserer Tradition und Identität“ sei. Richtig. Aber er erklärt nicht, warum, und betreibt deswegen eine extrem schädliche Politik. Denn: Diese Republik und viele Mitglieder des Staatsapparates sind so geil auf die Verfassung, dass sie so etwas wie „Identität“ oder „Tradition“ schon für „Nazi“ halten. Und der Durchschnittsbundesbürger bekommt weder durch den Staat noch durch die „Gesellschaft“ mit, was deutsche Tradition und Identität bedeutet. Weiterlesen

Zitat zum Sonntag: Die Identitätsfrage

„Identität ist eine Frage auf Leben und Tod. Sie stellt sich den Menschen in dreifacher Form: Die persönliche Identität trifft ihn als den einzelnen, das Individuum, das es sonst so nicht gibt; die politische Identität umgreift seine Zugehörigkeit zu einem Volk, in dem er andere als seinesgleichen findet- im Unterschied zu den anderen ihresgleichen fremder Völker; die kreatürliche Identität nimmt ihn als Lebewesen Mensch an, als Geschöpf biblisch, als Geworfenen modern wie bei Heidegger und Sartre. Diese dreifache Identität ist nicht teilbar. Es kann eine Identität nicht zerbrechen, ohne die anderen Identitäten zu gefährden, in Frage zu stellen oder aufzuheben. Wer sein Leben fristet wie ein Tier, kann nicht zu einer Persönlichkeit aufsteigen. Erreicht das bloße Vegetieren massenhaften Zuschnitt , sinkt ein Volk auf eine Bevölkerung herab, verkommt zur Herde und Horde. Es genügt für den Persönlichkeitsaufstieg aber auch die volle kreatürliche Identität nicht. Die üblichen Persönlichkeitsstörungen bei Assimilationen geben eindeutige Zeugnisse ab. Ein reifes Volk aus entfalteten Persönlichkeiten geht zugrunde, wenn es seine metaphysischen Bezüge verliert. Das Kraftfeld, in dem ein Ich sich auflädt, liegt zwischen universalen und konkreten Polen. Verfällt es, bleibt das Ich eine amorphe Größe, ein Massenteilchen in einer atomisierten Gesellschaft. Die Höhe einer geschichtlichen Kultur bemißt sich an dem Realisationsgrad des Identitätsgefüges. Die trinitarische Form ist die Voraussetzung für die Reproduzierbarkeit eines Gemeinwesens durch sich selbst. Schwindet sie, so kann diese eine Weile mit Kunstgriffen und Zwangsmitteln aufrechterhalten, aber nicht gerettet werden. Die Krankheit schleicht oder galoppiert dann zu Tode, wenn sie nicht, oft genug von einem Doktor Eisenbart, an der dreifachen Wurzel kuriert wird.“

Hans-Dietrich Sander: Der nationale Imperativ, 1990.

Grass #2: Das darf man doch so nicht sagen! – Die Etablierten

Neben der Interpretation meines Kollegen Reisig hier noch einige Anmerkungen zum Umgang mit dem Gedicht von Günter Grass:

Es ist wieder einmal so ein besonderer Moment, wo man dem Gefühl begegnet, dass die „veröffentlichte Meinung“ nicht im Geringsten mit der „öffentlichen Meinung“ zu tun hat. Die Öffentlichkeit, die ich erlebe, auf Facebook, auf der Straße, in der Bahn, am Festtagstisch oder in den Kommentarbereichen der Online-Zeitungen, sprechen eine deutlich andere Sprache als die immer gleiche Meinung, die in immer verschiedenen Varianten in den etablierten Medien und in einem Großteil der etablierten Parteien wiedergekäut wird.

Besonders sauer stößt den Leuten auf, dass der Ziegefinger-Moralist Grass mit der Antisemitismus- und Auschwitz-Keule bearbeitet wird. Eine sachliche Behandlung des Gedichts und eine eher beruhigte Behandlung wird gewünscht. Nicht dieses hysterische Geschrei von wegen „Der Ex-Waffen-SSler kritisiert Israel, die Juden! Verbrennt den Ketzer! Die Deutschen schon wieder! Schämt euch! Der Rassismus und Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen!“. Weiterlesen