Grass: Was gesagt werden muss

Das israelkritische Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass hat für umfassende Empörung in den Medien gesorgt. Hier der in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Wortlaut des Gedichtes (kursiv) und die jungdeutsche Meinung dazu:

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Grass spricht hier offenbardie Bedrohung der Menschheit durch einen kommenden Atomkrieg an, der sich am Konflikt zwischen Israel und dem Iran entzünden könnte.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Die kausale Ereigniskette wird hier gezeichnet: Der Iran baut vermutlich an der Bombe und das veranlasst Israel zu einen Präventivkrieg. Diese Einschätzung ist realistisch. Das israelische Militär und der Geheimdienst Mossad verübten in den letzten Jahrzehnten übrigens schon mehrfach Anschläge auf Atomanlagen in verschiedenen Ländern des nahen und mittleren Ostens. Dass iranische Atomphysiker ermordet wurden und werden, ist auch nichts Neues. Auf der anderen Seite wird der iranische Präsident Ahmadinedschad als Maulheld tituliert, der das iranische Volk unterjocht. Wer behauptet, Grass kritisiere ausschließlich die israelische Regierung und nicht die iranische, sollte hier innehalten.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Dass Israel Atomwaffen besitzt, ist klar, jedoch entzieht sich unserer Kenntnis, wie umfangreich dieses Arsenal ist. Es ist in der Tat ein Missstand, dass Israels militärische Atomanlagen nicht von internationalen Organisationen überwacht werden. Das Recht ist nun mal auf der Seite des Stärkeren, daran können nur weltfremde Idealisten zweifeln. Wer könnte den USA oder China in ihre Atomprogramme hineinreden? Ebenso verhält es sich mit Israel, da die USA unverbrüchlich hinter ihm stehen.

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Grass spricht hier auf die Antisemitismus- oder auch die Nazi-Keule von Medien und Politik an – die Möglichkeit der veröffentlichten (nicht etwa der öffentlichen) Meinung, einen eigenwilligen Denker unmöglich zu machen. Es ist Grass hoch anzurechnen, dass er dieses Tabu berührt.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Grass sieht hinter einem kommenden Atomschlag Israels gegen den Iran nicht nur Israel, sondern auch Deutschland, das Israel immer wieder einmal hochentwickelte Waffen schenkt, in diesem Fall ein atomwaffenfähiges Uboot. Damit, dass Grass betont, die Verbrechen des Dritten Reiches seien „ohne Vergleich“, ordnet er sich in den politisch korrekten Tenor von Presse und Politik ein. So will er den Antisemitismusvorwurf im Vorhinein entkräften.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Hier bringt Grass zum Ausdruck, dass die deutsche Schuld gegenüber dem israelischen Volk zwar so manche Wiedergutmachung erfordert, aber nicht so weit reichen kann, dass die israelische aggressive Politik der deutschen Kritik enthoben wäre. Das drückt auch der Titel des Gedichts aus: was gesagt werden muss.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Grass beendet sein Gedicht mit einer konkreten Forderung: Israel und der Iran sollten ihre Atomprogramme und ihre Atomwaffen internationaler Überwachung unterstellen. Das ist in der Tat ein konstruktiver Vorschlag, der keine der beiden Seiten stärker benachteiligt oder gefährdet als die andere, denn beide müssten die Karten auf den Tisch legen. Das Dumme ist nur, dass es, zumindest so lange die USA treu zu Israel halten, wohl keine Macht der Welt gibt, die beide Kontrahenten dazu bringen kann. Grass formuliert eine schöne Idee, die aber wohl leider ein Traum bleiben wird. Falls Israel in der Zukunft konventionelle Militär- oder sogar Atomschläge im Iran verüben sollte, kann kein aufmerksamer Mensch behaupten, davon ernstlich überrascht zu sein.

Quelle:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Deutschland, Kommentiert und verschlagwortet mit , , , , , von Reisig. Permanentlink.

Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

2 Gedanken zu „Grass: Was gesagt werden muss

  1. Dass wir Deutschen die Garantie des israelischen Staates als ein wichtiges außenpolitisches Ziel ansehen, erachte ich als richtig, aber der Weg, den wir zur Erreichung dieses Zieles eingeschlagen haben, ist der falsche.
    Israels aggressive Außenpolitik bringt die gesamte arabische Welt gegen Israel auf. Was Israel aber braucht, sind verbündete und befreundete Staaten in der arabischen Welt. Dazu gehört auch freies, demokratisches und friedliches Palästina.
    Deshalb war es meiner Meinung nach falsch, dass Palästina vor kurzem nicht die Vollmitgliedschaft in der UNO zu gestanden wurde. Das kann im schlimmsten Falle dazu führen, dass sich die Palästinenser radikalisieren und extrem-israelfeindlichen Kräften zuwenden. Das ist eine viel größere Gefahr, als ein palästinensischer Staat.

  2. Pingback: Grass #2: Das darf man doch so nicht sagen! – Die Etablierten | Die Jungdeutschen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s