Grass #2: Das darf man doch so nicht sagen! – Die Etablierten

Neben der Interpretation meines Kollegen Reisig hier noch einige Anmerkungen zum Umgang mit dem Gedicht von Günter Grass:

Es ist wieder einmal so ein besonderer Moment, wo man dem Gefühl begegnet, dass die „veröffentlichte Meinung“ nicht im Geringsten mit der „öffentlichen Meinung“ zu tun hat. Die Öffentlichkeit, die ich erlebe, auf Facebook, auf der Straße, in der Bahn, am Festtagstisch oder in den Kommentarbereichen der Online-Zeitungen, sprechen eine deutlich andere Sprache als die immer gleiche Meinung, die in immer verschiedenen Varianten in den etablierten Medien und in einem Großteil der etablierten Parteien wiedergekäut wird.

Besonders sauer stößt den Leuten auf, dass der Ziegefinger-Moralist Grass mit der Antisemitismus- und Auschwitz-Keule bearbeitet wird. Eine sachliche Behandlung des Gedichts und eine eher beruhigte Behandlung wird gewünscht. Nicht dieses hysterische Geschrei von wegen „Der Ex-Waffen-SSler kritisiert Israel, die Juden! Verbrennt den Ketzer! Die Deutschen schon wieder! Schämt euch! Der Rassismus und Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen!“.

Dieser Daueralarmismus und diese ständige Übertreibung, auch wenn sie in ZEIT, SZ, SPIEGEL und FAZ intellektuell daher kommt, reibt sich ab? Verliert seine Wirkung?

Das möchte ich so noch nicht sagen. Die Kette an Vorgängen, in der Sachen erst zu Skandalen und damit überbaut erst zum hysterisch angetriebenen Politikum gemacht werden, ist lang. Die prägendsten der letzten Jahre waren die Killerspiel-Debatte, Bildungschaos, Patriotismus-Debatte, Integrations-Debatte, Islamismus-Terrorismus, Sarrazin usw. Stets war die Meinung bei Umfragen empirisch und gefühlt Meilen von der veröffentlichten Meinung entfernt. Dies sorgte zur Organisation „von unten“ her. Die Piratenpartei kann man durchaus als ein Ergebnis dieser Entwicklung ansehen.  Trotz dieser Organisation von unten wurde von etablierten Stellen weiter „Scheiße“ serviert und zwar so lange, bis klar war, dass die Leute diese „Scheiße auch fressen“ würden. Also: Killerspieler sind alle potentielle Amokläufer, Mohammedaner alle Terroristen (das ist das eine Extrem, das andere wäre: kreuz… äh, ich meine halbmondbrave Prügelmoslems), Sarrazin nur ein Rassist usw. Dieses „Gewöhnen an Scheiße-Fressen“ läuft seit mindestens 30 Jahren und wird von einer Armada an Volksverdummungs-Angeboten („Deutschland sucht…“ ) begleitet. Sich aus diesem Verhältnis zu lösen wird durch das Internet erleichtert (Blogs, Foren usw.), sorgt aber für eine Zersplitterung. Wirklich erfolgreiche Organisationen sind aus den verschiedenen Potentialen nicht entstanden (Bis auf die bereits genannte Piratenpartei. Allerdings ist hier noch die Frage, wie sie sich etablieren wird.). Die Glocke aus politischer Korrektheit, gewohnten Reaktionen, ideologischer Indoktrination oder aus einfacher Faulheit, die sich über den Meinungshorizont stülpt,  wiegt immer noch schwer, hat aber mehr und mehr Risse bekommen.

Die Debatte um Grass ist ein weiterer Riss. Das von etablierter Seite gebrachte „Argument“, dass eine Meinung, die mit „Das wird man doch wohl sagen dürfen,…“ anfängt, schlecht sein müsse, bekommt einen effizienten Wiederpart. Nämlich das gouvernantenhafte „So darf man das nicht sagen,…“. Dieses besserwisserische, pseudo-wissenschaftliche, Von-oben-herab-belehren-Wollen und politisch korrekte Geschreibsel und Gerede wird es zunehmend schwierig haben, sich aber deswegen um so verbissener in seine ideologischen Zerrbilder festbeißen und in einer Diskussion dadurch nur ausfallen. Wer allerdings verbissen ist, verliert die Bewegung. Und eine „Bewegung“ ist der Ausgangspunkt für Änderung. Die Sache muss wieder in den Mittelpunkt rücken.

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