Zitat zum Sonntag: Quo vadis, Europa?

„Nachdem die Bedrohungen, denen Europa ausgesetzt ist, so lange ignoriert wurden, besteht nunmehr die Gefahr, daß man verzweifelt die Hände ringt und bereit ist, resignierend die zukünftige Rolle Europas als Museum der Weltgeschichte und der Zivilisation zu akzeptieren; daß man Predigten über die Bedeutung der Moral in der Weltpolitik hält, ohne daß es dafür ein Publikum gäbe. Ein Niedergang stellt immer auch eine Herausforderung dar, die angenommen werden muß, auch wenn der Erfolg ungewiß bleibt. Niemand kann mit hinreichender Sicherheit sagen, mit welchen Problemen sich die derzeit aufstrebenden Mächte in naher Zukunft konfrontiert sehen werden. In den kommenden Jahrzehnten könnten große Gefahren auf die gesamte Menschheit lauern, die im Augenblick noch nicht klar erkennbar sind. Doch die Probleme, mit denen sich andere eventuell herumschlagen müssen, bieten Europa nur einen schwachen Trost. Und selbst wenn Europas Niedergang inzwischen irreversibel sein sollte, besteht kein Anlaß zur Annahme, daß er sich zum kompletten Zusammenbruch ausweiten wird. Dafür, daß es nicht soweit kommt, ist allerdings eine schmerzliche Einsicht Voraussetzung; Europa muß sich endlich den Realitäten stellen, und dieser Prozeß ist in vielen Teilen des Kontinents bis auf den heutigen Tag immer wieder hinausgeschoben worden. Die Debatte sollte der Frage gelten, welche Traditionen und Werte Europas noch zu retten sind, noch gerettet werden sollten, und nicht Visionen von Europa als leuchtendem Vorbild für die ganze Menschheit, als moralischer Supermacht des 21. Jahrhunderts. Das Zeitalter der Illusionen ist vorbei. Sollte jemand das noch bezweifeln, so sollte er oder sie sich durch Berlin-Neukölln, durch La Courneuve im Großraum Paris, durch die Innenstadt von Bradford oder das eine und andere Londonder Viertel führen lassen. Das sind nicht die schönsten Gegenden, aber auch nicht die schlimmsten. Vielmehr zeigt sich dort schon heute, wie es bald in vielen Teilen Europas aussehen wird. Auch diese Viertel werden sich wahrscheinlich verändern, aber das wird ein sehr langsamer Prozeß sein, und am Ende wird ein Europa stehen, das sich von dem, das wir kennen und schätzen, stark unterscheiden wird.“

Walter Laqueur: Die letzten Tage von Europa, 2006.

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