Grass Nr. 2: „Europas Schande“

Günter Grass lässt sich auch nach der Kritik an seinem Gedicht zur Politik Israels gegenüber dem Iran nicht den Mund verbieten. In seinem neuesten Werk „Europas Schande“, das gestern in der Süddeutschen Zeitung erschien, prangert er die Politik der EU gegenüber Griechenland an. Lesen Sie hier das Gedicht im jungdeutschen Sinne interpretiert (Zitate kursiv):

Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.

Die EU verliert ihren demokratischen Charakter, zu dem das antike Griechenland Vorbild war, und gewinnt diktatorische Züge.

Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.

Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
dem Dank zu schulden Dir Redensart war.

Die zivilisatorische Bedeutung der altgriechischen Demokratie steht in krassem Gegensatz zur maroden neugriechischen Wirtschaft – beides wird heute durch die Eurokraten abgewertet.

Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.

Fordert Grass hier die Rückgabe der archäologischen Funde aus Griechenland, die ohne die Griechen um Erlaubnis zu fragen, von Forschern und Sammlern in alle Welt verstreut wurden?

Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.

Ohne einen Seitenhieb auf die deutsche Geschichte kommt auch dieses Grass-Gedicht nicht aus. Hier zeigt Grass die intellektuelle Unvereinbarkeit von philanthropischer romantischer Dichtung und der rohen militärischen Gewalt der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg auf.  In der Praxis wurde dies jedoch durchaus zusammengezwungen, und dabei die Dichtung vergewaltigt. Hierin liegt eine Analogie zur oben genannten Unvereinbarkeit der Liebe zur griechischen Demokratie und Kultur und der wirtschaftlichen Zerstörung des Landes in der Gegenwart.

Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.

Mit den Obristen meint Grass wohl die führenden griechischen Politiker von Pasok und Nea Demokratia, die in der letzten Wahl gewaltig abgestraft wurden.

Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
den Gürtel enger und enger schnallt.

Die Macht ist immer der Rechthaber. Das Konzept der Siegerjustiz gilt heute wie eh und je.

Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.

Antigone ist eine tragische Gestalt aus der Ödipus-Sage. Hier dient sie als Allegorie des griechischen Volkes.

Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt, gehortet in Deinen Tresoren.

Das Gefolge des Krösus sind jene, die an den „Hilfs-“Krediten für Griechenland verdienen: Bankmanager und ihre Gehilfen in der Politik.

Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.

„Der Kommissare Claqueure“ sind jede, die den EU-Kommissaren applaudieren. Der den tödlichen Schierlingsbecher ablehnende Sokrates steht stellvertretend für das griechische Volk, das das Spardiktat der EU nicht akzeptieren will. Tatsächlich jedoch beging Sokrates gezwungenermaßen auf diese Weise Selbstmord. Werden die Griechen also doch noch nachgeben müssen?

Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.

Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.

Der Verrat der EU an der Demokratie und die Knechtung ihres Herkunftslandes werden die Union in eine Diktatur oder zumindest Oligarchie verwandeln, die weit von dem entfernt sein wird, wovon ihre Gründungsväter träumten.

Die Schwäche des Gedichts besteht darin, dass es die Griechenland-Schulden-Problematik einseitig beleuchtet und die verantwortungslose Wirtschaftspolitik Griechenlands, die ihren Teil zur jetzigen Situation beigetragen hat, unerwähnt lässt. Dennoch: Es ist ein mutiges Gedicht, das dem Demokratieverständnis der EU zurecht den Spiegel vorhält.

Quelle:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-von-guenter-grass-zur-griechenland-krise-europas-schande-1.1366941

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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