Zitat zum Sonntag: Gottfried Benn zu Kunst und Leben

„Kunst wächst auf paradoxem Boden, und das Logische und Biologische versagt vor ihr.

Die Reihe der Paralytiker unter den Genies ist enorm, die der Schizophrenen trägt die größten Namen, und das alles nicht beiläufig, supplementarisch, hinzukommend, sondern als Geschick. Wesen des Schöpferischen. Tränke des Geistes, Prägung der Verflechtung in die gezeichnete Gestalt. Unter den 150 Genies des Abendlandes finden wir allein 50 Homoeroten und Triebvarianten. Rauschsüchtige in Scharen. Ehelose und kinderlose als Regel. Krüppel und Entartete zu hohen Prozenten. Das Produktive, wo immer man es berührt, ist durchsetzt von Anomalien, Stigmatisierungen, Paroxysmen. Natürlich sind Goethe und Rubens da, reich, stabil, nahezu rausch- und giftfrei, wenn man sich Götter vorstellen wollte, hier sind sie, aber sie sind die Ausnahme, es ist nachweislich klar, statistisch klar, der größte Teil der Kunst des vergangenen Halbjahrtausends ist Steigerungskunst von Psychopathen, von Alkoholikern, Abnormen, Vagabunden, Armenhäuslern, Neurotikern, Degenerierten, Henkelohren, Hustern: das war ihr Leben, und in der Westminsterabtei und im Pantheon stehen ihre Büsten und über beidem stehen ihre Werke makellos, ewig Blüte und Schimmer dieser Welt.

Kunst hat keine geschichtlichen Ansatzkräfte, ihre Wirkung geht auf die Gene, die Substanz – ein langer innerer Weg. Das Wesen der Kunst ist unendliche Zurückhaltung, zertrümmernd ihr Kern, aber schmal ihre Peripherie, sie berührt nicht viel, das aber glühend.

Falls Ihr die Maximen meines Lebens hören wollt, so wäre sie folgende:

  1. Erkenne die Lage!
  2. Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.
  3. Vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke. Blase die Welt aus Glas, als Hauch aus einem Pfeifenrohr: der Schlag, mit dem du alles löst: die Vasen, Urnen, die Lekythen. – dieser Schlag ist deiner und entscheidet.
  4. Nur bei Mittelmäßigkeiten greift das Schicksal ein, was darüber ist, führt seine Existenz alleine.
  5. Wenn dir jemand Ästhetizismus und Formalismus zuruft, betrachte ihn mit Interesse: er ist der Höhlenmensch, aus ihm spricht der Schönheitssinn seiner Keulen und Schurze.
  6. Nimm gelegentlich Brom, es dämpft den Hirnstamm und die Unregelmäßigkeit der Affekte.
  7. Nochmals: erkenne die Lage!“

Gottfried Benn, Geist oder Leben.

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