Warum hört man nichts mehr von Occupy?

Von der Occupy-Bewegung hat man in der letzten Zeit nicht mehr viel gehört. Sie ist aber nach wie vor existent, wie man z.B. auf dem Blog von Occupy Frankfurt verfolgen kann. Anlässlich der Gründung der Bewegung vor einem Jahr sendete der Deutschlandfunk am Sonntagmorgen ein Interview mit dem Soziologen Dieter Rucht. Darin führte er einige interne und externe Gründe an, warum die Gruppe weitgehend wieder von der Bildfläche verschwunden ist. Im Folgenden sind sie aufgeführt (kursiv) und kommentiert:

  • Keine klaren Zielsetzungen. Die Kritik an den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zuständen und ihren Hintergründen war entweder zu allgemein oder zu individuell formuliert.
  • Egalitäre Kommunikation. Wenn man alle Themen im Detail auf Basisebene diskutieren will, ist das zeitintensiv und ermüdend. Die speziellen Fähigkeiten und das spezifische Wissen Einzelner können für die Gruppe nicht wirksam werden.
  • Keine Handlungs- und Strategiefähigkeit. Die Bewegung war/ist ein heterogenes Gemisch unterschiedlicher Interessen und von Aktivisten unterschiedlicher politischer Herkunft. Wenn man eine gemeinsame Basis formuliert und Zuständigkeiten klärt, ist das kein Problem. Occupy scheut sich jedoch davor, Sprecher zu benennen, da dies der egalitären Kommunikation zuwiderläuft. Es gab aber immer wieder solche Galionsfiguren, auch wenn sie nicht lange im Rampenlicht standen, z.B. Wolfram Siener, der für Occupy Frankfurt in der Sendung von Maybritt Illner auftrat, sich aber wegen persönlicher Bedrohung zurückzog. Er rief damals aus: „Wir selbst als Volk haben eine Stimme; wir können etwas verändern!“ und „Wir kämpfen gegen ein globales System, ein hochkomplexes System.“ Offenbar ist es zu komplex, um auf diesem Wege angegangen werden zu können.
  • Zu wenige Bündnisse. Occupy ließ sich nicht mit etablierten gesellschaftlichen Kräften wie etwa mit Gewerkschaften ein, da sie in ihren Augen bereits vom System korrumpiert erschienen. Mag sein, dass ein Bündnis mit Gewerkschaften oder auch Kirchen viele hehre Ziele der Gruppe in weite Ferne gerückt hätte bzw. gezeigt hätte, in wie weiter Ferne sie sich ohnehin befinden. Dafür wäre vielleicht eine nachhaltigere breite Basis gegeben gewesen.
  • Camps als Aktionsform sind nicht Jedermanns Sache. Für Studenten mag das noch angehen, für Bürger im Arbeitsleben mit Familie daheim ist das jedoch kaum praktikabel. Aufmerksamkeit erregt man natürlich flächendeckend, aber die bürgerlichen Vorstellungen eines großen Teiles der Menschen vertragen sich schlecht mit in der Öffentlichkeit kampierenden Aktivisten. Wer aber flächendeckend Zuspruch erzielen will, sollte diese großen Gruppe nicht durch sein Auftreten abschrecken.
  • Ständige Räumungsbedrohung. Die Suche nach neuen Räumlichkeiten ist schwierig. Die Restrukturierung von Occupy Frankfurt ist auch Thema auf dem Blog der Gruppe.
  • Fehlende singuläre Verantwortliche für die Finanzkrise. Es gibt eine ganze Menge an Adressen, bei denen man Protest anmelden könnte. Der Protest bei der EZB wurde damals verschiedentlich als ungezielt kritisiert. Was die von den Interessen des Großkapitals gesteuerten Massenmedien natürlich nicht anerkennen, ist, dass der Protest bei der EZB durchaus angebracht ist, da sie z.B. den Euro als Schuldgeld herausgibt. Mit grundlegender Kritik an der Inflations-und Deflationspolitik der Zentralbankwäre man hier sehr wohl an der richtigen Adresse. Aber auch die großen Geschäftsbanken tragen durch ungehemmte Giralgeldschöpfung und Geldmengenerhöhung zur Inflation bei. Die Versicherungen haben das Geld der Bürger in spekulativen Anlagen praktisch verzockt bzw. sind gerade dabei oder haben in menschenverachtende Geschäfte investiert. Warum war die Kritik von Occupy dann nicht erfolgreich? Vermutlich, weil die richtigen Argumente nicht lautstark nach vorne getragen wurden und die Medien ihre Unterstützung auf die Dauer versagten.
  • Gewöhnung der Leute an die Dauerkrise. Gravierende Einschnitte in ihr Leben haben bisher nur wenige erfahren müssen.Deshalb liegt es für viele nahe, sich mit den Zuständen zu arrangieren und daran zu glauben, dass die Schuldenkrise nochmal glimpflich ausgehen wird; nach dem Motto: Die da oben werden schon wissen, was sie tun. Leider jedoch wissen es die meisten nicht, manche wissen es und können nichts tun, und wieder andere wissen es und tun bewusst das Gegenteil.
  •  Anfangs große Medienaufmerksamkeit, die dann zurückging. Hier spielen zwei Dinge zusammen: einerseits die Gewöhnung an die Dauerkrise und andererseits das Interesse der Massenmedien, Occupy als kuriose Erscheinung darzustellen, die zwar irgendwie sympathisch ist, aber in ihrem jugendlichen Drang gegen Windmühlen kämpft. Die Medien übernehmen Systemkritik nicht nachhaltig, sondern kochen die natürlich Auflage bringenden Proteste hoch und lassen sie dann fallen, wenn die Inhalte wirklich diskutiert werden müssten. Ist die erste Welle durch, werden andere Themen interessanter gemacht.

Insgesamt braucht erfolgreicher Protest deutlich herausgestellte Gegner, definierte kurzfristige und langfristige Ziele, eine klare Struktur der Gruppe mit Gremien, Leitern und Sprechern, starke Verbündete sowie Klarheit über die Zielgruppe und Dauer der Aktionsform.

Wir können nicht warten, bis die Politiker unsere Kritik vielleicht in ein paar Jahren aufnehmen und bis ein Auslöser dazu kommt, wie es im Falle der Energiewende war. Dieser ging jahrzehntelanger Protest und schließlich der Reaktorunfall von Fukuschima voraus und es ist auch noch überhaupt nicht klar, ob sie denn wirklich nachhaltig kommt.

Es ist grotesk, dass gerade in der heutigen Situation mit skandalösen Entwicklungen wie ESM, Fiskalpakt und Anleihenaufkauf der EZB von Occupy kaum noch zu hören ist. Mehr denn je wäre der Protest vonnöten. Aber sicherlich kommt er wieder, wenn der Leidensdruck steigt. Und das wird er sehr wahrscheinlich tun.

Quellen:

http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/09/16/dlf_20120916_0717_4da1b7dc.mp3

http://www.youtube.com/watch?v=VI4SB9mFOCA

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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