Die Geschichte der Gastarbeiter

HistorischesDas Thema der Integration von Migranten in Deutschland spielt heute in der öffentlichen Debatte eine große Rolle. Wie so oft lohnt sich auch hier, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um die Hintergründe besser zu verstehen. In den 50er Jahren war bekanntlich in der BRD das „Wirtschaftswunder“ ausgebrochen. Oft wird der Marshallplan der USA hierfür herangezogen, der der westdeutschen Wirtschaft, aber auch in anderen westeuropäischen Ländern, Investitionen und Wachstum ermöglichte. Das zerbombte Deutschland wurde wieder aufgebaut, die Kohle um Ruhr und Saar befeuerte dies im wahrsten Sinne des Wortes. Hütten, Werke und Fabriken v.a. der Schwerindustrie schossen aus dem Boden. Die Politik tat ihr Übriges dazu; so vertrat Ludwig Erhard einseitig die Interessen des Großkapitals, indem er die Wirtschaft liberalisierte. Die Industriellen bekamen viele Aufträge, während die Arbeiter nicht nennenswert gewerkschaftlich organisiert waren. So stieg seitens der Industriellen die Nachfrage nach billigen, gering qualifizierten Arbeitskräften, die die hohe Produktion ermöglichen sollten. Tatsächlich war das enorme Wirtschaftswachstum der damaligen Jahre so groß, dass es nicht nur den Industriebossen die Taschen füllte, sondern sich auch in einem allgemeinen Anstieg des Wohlstandes der Westdeutschen niederschlug. Niemand fragte nach dem Sinn einer grenzenlosen Produktion. So kam es, dass viele deutsche Arbeiter bald nicht mehr bereit waren, die letzte Drecksarbeit zu verrichten und die Bedeutung der Gewerkschaften zunahm, was sich in steigenden Löhnen und sinkendem Profit für die Kapitalisten niederschlug. Letztere hatten das Problem, dass sie nicht mehr so viel so billig produzieren konnten, wie sie es hätten absetzen können. Das „Wirtschaftswunder“ drohte ausgebremst zu werden.

Die Lösung des Problems der Produzenten bestand darin, zwischen 1955 und 1973 Anwerbeabkommen mit Ländern des Mittelmeerraumes abzuschließen, genauer mit Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Türkei, Jugoslawien, Tunesien und Marokko.

In diesen Ländern herrschten eine hohe Arbeitslosigkeit und ein geringer Lebensstandard. So kamen Millionen williger und duldsamer gering qualifizierter Arbeitskräfte nach Westdeutschland. Sie bekamen magere Löhne und wurden in schäbigen Unterkünften in oftmals von der Außenwelt weitgehend abgeschirmten Baracken und Heimen untergebracht. Eigentlich hätte es ein Rotationsprinzip geben sollen, wonach die „Gastarbeiter“ nach einiger Zeit hätten in ihre Heimat zurückgehen und ausgetauscht werden sollen. Doch aufgrund der großen Nachfrage nach Gastarbeitern waren die Behörden offenbar mit der Durchsetzung des Rotationsprinzips überfordert und ließen es geschehen, dass sich viele Ausländer darüber hinaus und dauerhaft in der BRD niederließen. Wer nicht von selbst zurückkehrte, wurde offenbar nicht dazu aufgefordert. Es war wohl im Interesse der Industrie, länger über die Arbeiter verfügen zu können und sich den bürokratischen Aufwand des Austauschs zu ersparen, letzteres natürlich auch im Interesse der Behörden. Und die Gastarbeiter lebten von ihrem Einkommen besser als sie es in ihrer Heimat gekonnt hätten. Also wurde die Rotation verschleppt und schließlich aufgegeben. Das erscheint aus heutiger Sicht fahrlässig, da es zu einer nicht vorgesehenen und demokratisch in keiner Weise legitimierten Verankerung der Gastarbeiter in der BRD führte, die über ihren eigentlichen Aufenthaltszweck – die befristete Arbeit – weit hinausging.

1973 kam es zum Anwerbestopp; aber nicht etwa, weil man das Versäumnis erkannt hätte, sondern wegen der Wirtschafts- und Ölkrise, wodurch die Nachfrage nach Arbeitskräften gesenkt wurde. Ab diesem Zeitpunkt war die Zuwanderung nur noch im Rahmen des Familiennachzugs legal. Die Politik ließ auch das geschehen, anstatt aufgrund des nun eingetreten geringeren Arbeitskräftebedarfs eine systematische Rückführung zu organisieren. Man kann es natürlich verstehen, dass ein Gastarbeiter nicht in die Heimat zurückkehren und damit die Perspektive verlieren wollte, wieder nach Deutschland zurückzukehren und dort mehr Geld zu verdienen, als es in der Heimat möglich gewesen wäre. Also holten sie Frauen, Kinder und Eltern zu sich. Die Deutschen nahmen das anfangs kaum zur Kenntnis und ließen sich beschwichtigen, denn die Politik betonte ja hartnäckig, Deutschland sei kein „Einwanderungsland“. Offensichtlich betrieb sie aber damals schon eine andere Politik, die im Sinne des Industriekapitals stand, das sich nachhaltig billige Arbeitskräfte sichern wollte. Dass die Deutschen damit ungefragt Nachbarn türkischer Familien wurden, kümmerte offenbar niemanden ernsthaft. Kaum kamen die Kinder der Zuwanderer – anders konnte man es nun wirklich nicht mehr ernsthaft nennen – an die deutschen Schulen, nahm das Problem der Bildungsintegration, das wir heute in frappierendem Ausmaß erleben, seinen Lauf.

Allerdings verabschiedete die Regierung Kohl ein halbseidenes „Rückkehrförderungsgesetz“, das Prämien bei Ausreise verhieß. Es blieb jedoch weitgehend erfolglos. Der Schluss liegt nahe, dass dieses Gesetz lediglich zur oberflächlichen Beruhigung der deutschen Volksseele herhalten sollte, um zu zeigen, dass man sich der Veränderung bewusst war und etwas dagegen unternahm. Die Bundesregierung hatte auch keine umfassenden Konzepte zur Integration und überließ die Probleme den Kommunen. Das Thema wurde offenbar wegen seiner Unpopularität ausgeblendet. Das Volk wurde bewusst getäuscht, da man nicht aussprach, dass man Deutschland zu einem „Einwanderungsland“ gemacht hatte. Wer hatte dazu geführt, dass es so weit kommen konnte?

1. Die Industriellen in ihrem Drang nach geringqualifizierten, duldsamen Arbeitskräften und

2. die Politik und Bürokratie, die zum Teil wegschauten, wenn Prinzipien hätten eingehalten werden sollen, und zum Teil aktiv die Interessen des Großkapitals vertraten.

Den Gastarbeitern und ihren Angehörigen kann man den geringsten Vorwurf machen, da sie dort hingingen, wo sie ihre Grundbedürfnisse am leichtesten befriedigen konnten. Das taten Menschen schon jeher und das ist nur natürlich und vernünftig. Es ist die Aufgabe der Politik, mit diesen Triebkräften umzugehen und sie in Bahnen zu lenken, die für das Wohl des Volkes, das sie vertritt, am größten ist. Hier hat die Politik versagt und sich den Partikularinteressen der Wirtschaft, wie so oft, ergeben.

Viele Jahre wurde das Thema verschleppt, bis Wolfgang Schäuble (der auch heute noch für politische Furore sorgt) bewirkte, dass 1991 ein neues Ausländerrecht eingeführt wurde, das die Einbürgerung ermöglichte. Man kann darüber streiten, ob angesichts der bis dahin geschaffenen Tatsachen der Verwurzelung der Ausländer in Deutschland bereits in der zweiten Generation dieser Schritt ungerechtfertigt war. In diesem Zusammenhang spricht die Bundeszentrale für politische Bildung von „Inländern mit ausländischem Pass“. Was soll das denn bitte sein? Absurd.

Im Grunde hätte das Volk in einer direkten Abstimmung über die Änderung des Ausländerrechts abstimmen müssen. So weit war die Politik damals jedoch nicht, und sie ist es bis heute nicht.

Seit 2000 gilt, dass in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten, wenn ein Elternteil seit mindestens acht Jahren dauerhaft in Deutschland lebt. Das ist mal wieder eine willkürliche Setzung der Politik. Auch darüber sollte das Volk direkt befinden.

Quellen:

http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=all

http://www.cord-pagenstecher.de/pagenstecher-1995-ungewollte-einwanderung.pdf

http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/gastarbeiter_und_migration/geschichte_der_gastarbeiter/index.jsp

http://suite101.de/article/der-arbeitskraeftemangel-und-die-ersten-anwerbeabkommen-a111539#axzz2ENt1iLAU

http://suite101.de/article/das-scheitern-der-zurueckfuehrungspolitik-a111106#axzz2ENt1iLAU

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

2 Gedanken zu „Die Geschichte der Gastarbeiter

  1. Als Erstbesucher gewinne ich den Eindruck, dass dieser Beitrag in einer gewissen Spannung steht zum Tenor der weitherzigen und liberalen Grundsätze dieser Seite, wie ich sie im Menü finde. Zuwanderung wird hier offenbar von vornherhein – oder: zunächst einmal – als Übel angesehen. Das wirkt doch arg xenophob. Gäbe es keine gelungene Integration, gäbe es auch kaum kulturelle Entwicklung, auch keine deutsche Sprache, kein Christentum in Deutschland, ja nicht einmal ein deutsches Volk, wie wir die reizvolle ethnische Mischung seit ein paar hundert Jahren nennen, die in dieser Gegend lebt. Im letzten Abschnitt wird die Legitimität der regulären Gesetzgebung nach den Spielregeln unserer repräsentativ organisierten Demokratie in Abrede gestellt. Das führt in eine politische Sackgasse.

  2. Zuwanderung an sich ist weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, was mit den zugewanderten Menschen in der aufnehmenden Gesellschaft passiert: ob sie Teil dieser Gesellschaft werden oder in ihrer eigenen Welt leben. Es kommt darauf an, ob sie zum Wohlergehen der Gesellschaft beitragen, indem sie Eigenschaften wie Wissen, Können und Arbeitskraft mitbringen, an denen die Gesellschaft Bedarf hat. Mit Gesellschaft meine ich hier die Mehrheit des Volkes und nicht nur die Chefetagen. Darüber hinaus sollte die Gesellschaft es sich aber auch leisten, einige Asylanten zu beherbergen, die anderswo verfolgt werden, auch wenn sie ihr keinen Vorteil bringen. Das sollte allerdings im Normalfall nicht mit Zuwanderung verbunden sein, nur mit vorübergehendem Aufenthalt. In diesem Artikel sollte betont werden, dass eine einheimische Bevölkerung darüber zu bestimmen hat, wer unter welchen Umständen dauerhaft von außen hinzukommt. Das ist ganz im Sinne der nationalliberalen, demokratischen Vorstellungen, die diesen Blog maßgeblich prägen. Das Volk gibt sich seinen Staat und wirkt darüber auf sich selbst und seine Umwelt.
    Die Mehrheit der Mitteleuropäer wurde nicht gefragt, ob sie mit der Völkerwanderung einverstanden war und ob sie christianisiert werden wollte. Dafür waren äußere Faktoren verantwortlich und im zweiten Fall teils das Mitwirken der Fürsten. Das heißt aber nicht, dass das Volk unmündig bleiben muss. Über die reguläre Gesetzgebung, d.h. die repräsentative Demokratie, lässt sich in der Tat diskutieren. Sie funktioniert gut, sofern die Politiker wirklich die Interessen ihrer Wähler vertreten. Leider tun sich das allzu oft nicht, sondern dienen Partikularinteressen von Verbänden mit großer Macht über Wirtschaft und Medien. Ich empfehle hierzu: https://diejungdeutschen.wordpress.com/2012/05/05/parlamentarismus-oder-basisdemokratie/

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