Ist wirklich das Pferdefleisch der Skandal?

KolumneAnfangs sah es noch so aus, als sei der so genannte „Pferdefleisch-Skandal“ lediglich auf einige Chargen Lasagne beschränkt. Mittlerweile findet man aber schon auf der Seite der Tagesschau eine Übersicht über die Lebensmittel, in denen Pferdefleisch enthalten sein soll, ohne als solches deklariert zu sein. So werden den Verbrauchern billige Pferde für teure Rinder oder Schweine vorgemacht. Die Bild-Zeitung bezeichnet es sogar schon als „Horrorvorstellung“, es könne rumänisches Eselfleisch in unseren Lebensmitteln auftauchen. Dieses könnte gemeinsam mit dem Pferdefleisch wegen eines Kutschenverbotes massenhaft und natürlich billig den Markt überschwemmen und Produzenten mit krimineller Energie dazu verleiten, es ihren Fleischprodukten zuzusetzen. Zu den potentiellen Gesundheitsgefahren äußerte sich der Biologe Ralf Reiting Im Interview mit der ZEIT folgendermaßen:

„ZEIT ONLINE: Der Gesundheit schadet das Fleisch aber nicht?

Reiting: Wenn es sich um einwandfreies Pferdefleisch handelt, nicht. Das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, woher die Pferde kamen und ob es wirklich Schlachtpferde waren. In Deutschland bekommen alle Pferde einen Pass, in dem steht, ob sie geschlachtet und für die Fleischproduktion verwendet werden dürfen. Wenn sie als Schlachtpferde eingetragen sind, behandeln Tierärzte sie unter Umständen mit anderen Medikamenten. Denn das Fleisch darf nicht mit Arzneien belastet werden, die dem Menschen eventuell schaden. Von diesen Pferden wissen wir aber nichts. Ob es Schlachttiere waren, darüber kann man nur spekulieren.“

Weiter sagt Reitting: „Die Nachfrage ist hierzulande gering, weil viele Deutsche ethische Bedenken haben, Pferdefleisch zu essen.“

Wir haben also folgende Punkte, an denen sich der Skandal entzündet:

1. Die falsche Deklarierung als ein in der Herstellung teureres Produkt, die Betrug gleichkommt.
2. Unbekannte gesundheitliche Risiken für den Menschen durch Behandlung der Pferde mit Medikamenten, die für die Behandlung von Tieren, die für den menschlichen Verzehr nicht vorgesehen sind, nicht zugelassen sind.
3. Die psychische Belastung der Verbraucher, die Pferde nicht essen wollen, es nun aber unwissentlich getan haben.

Zu 1.: Fleisch enthaltende Fertigprodukte aus dem Supermarkt sind in der Regel so billig, dass man sie nur dann guten Gewissens kaufen kann, wenn man von ihrer Herstellung keine Ahnung hat, es schafft, den Herstellungsprozess aus seinem Bewusstsein zu verdrängen, oder gewissenlos ist. Wer zu solchen Produkten greift, hat natürlich formal ein Recht darauf, dass das Produkt enthält, was darauf steht. Er kann aber davon ausgehen, dass er damit zu Tierquälerei, Gewässerverschmutzung, Flächenverbrauch und Regenwaldzerstörung sowie dem Welthunger beiträgt.

Zu 2.: In der industriellen Massentierhaltung ist es aus Kostengründen normal, dass Antibiotika und andere Medikamente nicht etwa einzelnen auffälligen Tieren verabreicht werden, sondern flächendeckend und prophylaktisch ganzen Ställen. Das hat zur Folge, dass Medikamentenrückstände im Fleisch enthalten sein können, dass die Gewässer und letztendlich das Trinkwasser durch die auf Feldern ausgebrachte belastete Gülle verschmutzt werden und dass unter dem ständigen selektiven Stress durch Antibiotika resistente Keime entstehen können. Es ist zwar die Aufgabe verschiedener Behörden, diese unerwünschten Konsequenzen der Massentierhaltung so gering wie möglich zu halten, und die Aufgabe von Verbraucherministerin Aigner, Bedenken der Verbraucher zu zerstreuen, vermieden werden sie jedoch nicht.

Zu 3.: Es ist kulturell bedingt, dass man hierzulande in der Regel Pferde nicht als Lebensmittel betrachtet, da sie traditionell als Reittiere verwendet werden. Auch die Liebe vieler Mädchen zu Pferden hält diese von ab, zum Pferdesteak zu greifen, lässt sie jedoch nicht vorm Schweineschnitzel zurückschrecken. In China werden Hunde gegessen, was in Europa weitestgehend keine Anhänger findet. Mit dem Verzehr vergleichbarer großer Säugetiere hat man aber offenbar in Deutschland kein Problem. Jeder kann selbst entscheiden, wo er die Grenze zwischen Lebensmittel und Haustier ziehen will. Seien wir uns aber darüber im Klaren, dass, wer aber Konsequenz für sich in Anspruch nimmt, angesichts einer bereits eingekauften Pferde-Lasagne diese vielleicht besser nicht wegwirft und eine echte Rinder-Lasagne kauft, sondern sie aufisst, da die Tiere dafür bereist gestorben sind, und sich gut überlegt, ob er eine neue kauft.

Diese drei Punkte zusammengenommen, ergibt sich: Der Skandal besteht weniger im illegal verwendeten Pferdefleisch, als in den Produktionsbedingungen der Nahrungsmittelindustrie und der Nichtinformation der Verbraucher über diese Bedingungen und ihrer globalen Nebenwirkungen. Im Grunde ist es das kapitalistische System, das diese Produktionsbedingungen durch den Kosten- und Konkurrenzdruck erst hervorbringt und dem die Bequemlichkeit der Verbraucher, sich inkonsequent und rücksichtslos zu verhalten, sehr zupass kommt.
Lassen wir uns nicht länger von den transnationalen Konzernen der Fleisch- und Futtermittelindustrie und ihren Handlangern in Politik und Medien täuschen und machen wir davon Gebrauch, dass wir über unseren bewussten Konsum und die Aufklärung anderer die Nachfrage verändern und somit das Angebot steuern können. „Die da oben“ machen, was sich rentiert – so lange es sich rentiert, und nicht länger.

Quellen:

http://www.bild.de/news/inland/pferdefleisch/wo-kommt-pferdefleisch-her-28572272.bild.html
http://www.petitionen24.com/europaweite_videouberwachung_an_schlachthofen_und_dokumentation
http://www.stern.de/politik/deutschland/tierschutz-in-deutschland-so-qualvoll-stirbt-schlachtvieh-1555518.html
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.tierhaltung-das-geschaeft-mit-antibiotika.0757e409-9763-4444-9d15-c7aca6722a2e.html
http://www.tagesschau.de/inland/pferdefleisch-deutsche-supermaerkte102.html
http://www.umweltjournal.de/AFA_umweltnatur/19488.php
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-02/Pferdefleisch-Lasagne-FAQ

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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