Mit dem Frachter nach Amerika: Zwischenmenschliches zwischen den Welten

IMG_0930kleinNach einigen Wochen Sendepause meldet sich Dietmar Reisig zurück. Er hat seinem Namen alle Ehre gemacht und ist in die Ferne gereist. Aber eins nach dem anderen:

Mein Ziel ist die Universitätsstadt New Haven im US-amerikanischen Connecticut. Für amerikanische Begriffe liegt diese Stadt in unmittelbarer Nähe von New York. Für die Reise in die Neue Welt habe ich ein Fortbewegungsmittel gewählt, das in der Vergangenheit bereits zahlreiche europäische und insbesondere deutsche Auswanderer über den Atlantik gebracht hat: das Schiff. Es ist jedoch nicht meine Absicht, in Amerika Wurzeln zu schlagen; ich werde mich lediglich ein Jahr lang dort aufhalten und von dort weiterschreiben und berichten.
Um das Abenteuer noch zu vergrößern, fahre ich als Passagier auf einem Frachtschiff mit. Es gibt Reedereien, bei denen man eine Kammer auf einem solchen mit Containern beladenen Koloss buchen kann. Verglichen mit einigen Stunden Flug ist die Überfahrt auf dem Seewege eine langwierige, aber dafür ungleich mußevollere Sache. Auch die Zeitumstellung wird so in mundgerechten Happen serviert. Von Bremerhaven mit Zwischenhalt in England dauert die Reise elf Tage.

So betrete ich im Containerhafen von Bremerhaven ein über 260 Meter langes hochseetaugliches Stahlgefährt und sage der Heimat vorübergehend Lebewohl. Wenngleich das Schiff einer deutschen Reederei gehört, fährt es aus Kostengründen unter einer karibischen Flagge. Die Besatzung ist international: Sie kommt aus Deutschland, Russland und Rumänien, zum größten Teil aber handelt es sich um Filipinos. Ich erlebe in den nächsten Tagen, dass letztere ein überraschendes, ganz besonderes Volk sind. Sie sind die Seefahrernation Nummer eins. Anders als die meisten asiatischen Länder haben die Philippinen nach spanischer Herrschaft und US-amerikanischem Einfluss einen sehr starken Bezug zur westlichen Welt. Filipinos sind meist katholisch und tragen europäische Vornamen, als Kinder lernen sie schon früh Englisch und eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen besteht in geselligen Karaoke-Runden zu internationaler Popmusik. Ich muss schmunzeln bei der Vorstellung, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit meist hervorragende musikalische Talente Frank Sinatras „New York, New York“ oder Elvis Presleys „Only You“ schmetternd über sämtliche Weltmeere fernab jeglicher Zivilisation fahren. Sie lassen uns Passagiere an ihren Treffen teilhaben und begegnen uns stets mit ausgesuchter Freundlichkeit, Respekt und Zuvorkommenheit, so dass eine sehr angenehme und fast schon familiäre Atmosphäre entsteht. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Hierarchien gibt, die sich z.B. in getrennten Ess- und Aufenthaltsräumen für Mannschaften und Offiziere zeigen, und die Offiziere auf dem Schiff in erster Linie besser ausgebildete Europäer sind. Diese Dinge kann man niemandem auf dem Schiff zum Vorwurf machen, denn ohne klar verteilte Kompetenzen und Zuständigkeiten würde die hochkomplexe Maschinerie des Frachters sicherlich nicht funktionieren.

Der Anpassung der philippinischen Kultur an die westliche Welt stehe ich gespalten gegenüber. Es ist nicht zu übersehen, wie die ursprüngliche, gewachsene Kultur der Philippinen, die von zahlreichen Sprachen geprägt ist, überlagert und vermischt wurde mit westlichen, d.h. spanisch-christlichen und US-amerikanischen Einflüssen. Es ist diese Anpassung, die die Filipinos dazu qualifiziert, die Handelsflotten westlicher Länder zu bevölkern und dort ihr Brot zu verdienen. Die wirtschaftliche Not treibt sie auf die Weltmeere, wo sie für viele Monate von ihren Familien getrennt sind. Diese Not haben sie sich zu eigen gemacht und sie zu einem Erfolgsmodell gewandelt, auf das sie stolz sind. Vielleicht ist diese Anpassungsfähigkeit eine Tugend und das kulturelle Sammelsurium macht heute aus, was philippinisch ist.
Es ist jedoch immer kritisch zu sehen, wenn eine Momentaufnahme einer Kultur als das definiert wird, was die Kultur ausmacht. Denn dabei kommt das geschichtliche Fundament dieser Kultur zu kurz, das aus der Vergangenheit in die Gegenwart wirkt. Deshalb ist eine Kultur sinnvollerweise als das zu charakterisieren, was in ihrer Entwicklung kontinuierlich gewachsen ist, und nicht unbedingt als das, was uns bei oberflächlicher, punktueller Betrachtung leicht ins Auge fällt. Was in diesem Sinne philippinisch ist, vermag ich als Laie nicht zu sagen. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass die Freundlichkeit und Offenheit dieser Menschen dazugehört.

Die Filipinos fahren wieder hinaus aufs Meer. Ich aber beobachte nach meiner Ankunft in Amerika die sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Wo tun sich die Gräben zwischen „white anglosaxon protestants“ und „black neighborhoods“ auf? Wie tickt das Land, das den Rest der Welt ökonomisch, kulturell und militärisch so sehr beeinflusst wie kein anderes? Wie ticken seine Menschen? Und was bedeutet das für uns?

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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