Das kann nicht mehr lange gutgehen: Philanthropie in den USA

IMG_1156aDie Großstadtschluchten von Manhattan hat jeder vor Augen, der einmal diese Stadt besucht hat. Hier könnte man meinen, drei Städte seien über einander gestapelt worden. Im Rockefeller Center stehen besonders viele Wolkenkratzer beisammen. Dort sind auf einer Tafel berühmte Worte des Unternehmers und „Philanthropen“ J. D. Rockefeller festgehalten, in denen er die amerikanischen Werte definiert. Unter anderem heißt es da:

“I believe in the dignity of labour, whether with head or hand; that the world owes no man a living but that it owes every man an opportunity to make a living.” “I believe that every right implies a responsibility; every opportunity, an obligation; every possession, a duty.”

Diese Worte sagen einiges über das Staatsverständnis vieler Amerikaner aus. Unter der Freiheit, die sie so hoch halten, verstehen sie die Freiheit des Individuums, für sein eigenes Glück und seinen eigenen Wohlstand zu sorgen. Auf der anderen Seite bedeutet dies: Wer im Wettbewerb zu kurz kommt, hat eben Pech gehabt und muss selber sehen, wie er klar kommt. Geschichtlich ist diese Haltung mit der puritanischen Arbeitsethik vieler europäischer Siedler verbunden, wonach sich eine gute christliche Gesinnung bereits im Wohlstand auf Erden bemerkbar macht.

Zwischenmenschliche Solidarität, die von Suppenküchen bis hin zum Bau von Universitäten reicht, wird einerseits in Form ehrenamtlicher Arbeit und andererseits in Form der so genannten „Philanthropie“ (d.h. Menschenfreundlichkeit) anerkannt. Bei Letzterem handelt es sich um Spenden von Superreichen. Dagegen ist eine vom Staat verordnete Solidarität auf Steuerbasis in den Augen vieler, vor allem republikanisch gesinnter Amerikaner blanker Sozialismus.

In einer Aktiengesellschaft (AG) hat der derjenige Anteilseigner, der die meisten Aktien besitzt, das größte Stimmgewicht im Unternehmen. Auf die Philanthropie übertragen, haben spendable Reiche Einfluss auf die Gesellschaft, indem sie Projekte finanzieren, die sie selbst für sinnvoll halten. So entsteht eine Gesellschaft in ihrem Sinne, in der ihre Interessen immer stärker vertreten werden, und in der andere Interessen verkümmern, wenn hinter ihnen nicht genug Geld steht.

Eine andere Unternehmensform als die AG ist die Genossenschaft. Hier hat jedes Mitglied gleiches Stimmgewicht, unabhängig davon, wie groß sein Anteil ist. Dadurch sind Genossenschaften vor dem Ausverkauf gesichert und ihr gemeinsames Ziel ist geschützt. Dieses Ziel ist das Zusammenwirken der Einzelnen, die alleine nicht in der Lage wären, so große Projekte zu unterhalten, wie sie z.B. Produktions- oder Einkaufsgenossenschaften darstellen. Auf die Gesellschaft übertragen trägt der Sozialstaat Züge einer Genossenschaft, wenngleich dieser nicht basisdemokratisch funktioniert, sondern staatlich gelenkt ist. Vom Staat vermittelte gesellschaftliche Solidarität ist kein Gnadenakt jener, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Sie ist eine Selbstverständlichkeit innerhalb der Gesellschaft, zu der jeder Steuerzahler beträgt.

Ist es gerecht, wenn jene durch gesellschaftlichen Einfluss ihre Interessen durchsetzen, die dafür bezahlen? Man kann es mit der Markt-Mentalität auch übertreiben.

Wer das Loblied des hart selbsterarbeiteten und wohlverdienten Reichtums singt, der bedenke: Guthaben vermehrt sich durch Zins und Zinseszins immer schneller, je mehr man davon hat. Sehr große Guthaben können so ohne weiteres Zutun gewaltige Erträge einbringen. Dadurch steigt die Geldmenge in der Volkswirtschaft, ohne dass sie vom Sparer mit Wert in Form von Waren und Dienstleistungen unterlegt würde. Wenn es in der Folge nicht zu Inflation kommt, liegt das nur daran, dass andere Menschen für niedrige Löhne greifbare Dinge schaffen oder schlecht bezahlte Tätigkeiten verrichten. Ihre Arbeit gibt dem Zinsgeld der Reichen Gehalt. Geld ist also nur begrenzt ein Leistungsäquivalent für seinen Besitzer, und zwar immer weniger, je mehr er davon hat. Deshalb hat die Gesellschaft Anspruch auf Solidarität in Form von Sozialleistungen.

Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis man in den USA nicht mehr umhinkommen wird, diese Zusammenhänge anzuerkennen. Dieses Land lebt mit seinem Bankensystem, das die Welt mit aus dem Hut gezauberten Dollars überschwemmt, auf Pump. Militärischer und politischer Druck sichern den Zustrom der Milliarden aus den exportstarken Ländern wie Deutschland nach Amerika. Beliebig lange kann es so nicht weitergehen.

Ein System von Spenden zur Abmilderung von Armut und Elend könnte sozialer Sprengstoff sein in einem Land krasser Unterschiede zwischen Arm und Reich. Dass dem aber nicht so zu scheint, liegt daran, dass es in Amerika keine Erwartungshaltung der Armen gegenüber der Gesellschaft gibt, wie wir sie aus europäischen Ländern kennen. Da fragt man sich, was die Gesellschaft denn überhaupt zusammenhält. Ist es der bröckelnde amerikanische Traum? Ist es die Angst vor dem Niedergang angesichts neuer globaler Größen wie China?

Ich halte die Augen offen.

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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