„Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder“

Kolumne-01Anreden wie in diesem Titel können dabei herauskommen, wenn man es mit der Geschlechtsdifferenzierung in der Sprache, dem so genannten „Gendern“, zu weit treibt. Ja, Frauen haben ein Recht darauf, als gleichberechtigte Teile der Gesellschaft anerkannt zu werden. Ebenso gebietet es der Respekt vor dem Mitmenschen, dass man seine Haltung seinem biologischen Geschlecht gegenüber anerkennt. Wenn sich jemand mit einem männlichen Körper (XY-Chromosomensatz, definierte primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale) als Frau fühlt oder umgekehrt, ist das für den Betreffenden schwer zu ertragen, was natürlich dadurch erschwert wird, wenn ihn andere deswegen ablehnen oder sich über ihn lustig machen. Man sollte dafür Verständnis haben und zu dieser Person sozial sein wie gegenüber jeder anderen auch. Das gilt auch, wenn jemand der Überzeugung ist, gar kein Geschlecht zu haben, ein drittes oder beide auf einmal. Dann möge einem diese Person verständlich machen, wie sie als Individuum angeredet werden möchte. Und dann macht man das so. Punkt.

Ebenso sollte man dafür Verständnis haben, dass die deutsche Sprache wie so viele andere auch grammatikalische Geschlechter kennt, die in der Regel nicht mit tatsächlichen Geschlechtern zusammenhängen. Es sind nicht alle Hunde männlich und nicht alle Katzen weiblich. „Die Katze“ ist ein Überbegriff, der auch Kater umfasst. Ebenso umfasst „der Mensch“ auch Frauen. „Eine Person“ kann ja auch ein Mann sein. Diese Begriffe an sich benachteiligen niemanden. Sicherlich kann man sie so verwenden, aber dann missbraucht man sie. Die Bedeutung solcher Begriffe kann sich auch wandeln. Während man im 19. Jahrhundert in Ermangelung eines Frauenwahlrechts in Deutschland wirklich nur Männer meinte, wenn man von Wählern sprach, meint man seit 1918 eben auch die Wählerinnen. Aber das muss man nicht immer explizit dazusagen. Das Wort hat sich zu einem Überbegriff gewandelt, auch wenn die Politiker gerne von den „Wählerinnen und Wählern“ schwadronieren, die in flüchtiger Aussprache oftmals zu den „Wählern und Wählern“ verkommen.

Man (noch so ein Wort, das auch Frauen umfasst) frage einmal Frauen in seinem Umfeld danach, wie viel Wert sie darauf legen, als „…Innen“ adressiert zu werden. Die Mehrheit, auch der gebildeten Frauen, interessiert das nicht. Im Spanischen gibt es die Möglichkeit, das eigene Geschlecht auszudrücken, indem man z.B. für den Imperativ „gehen wir“ entweder die männliche Form „vamonos“ oder die weibliche Form „vamonas“ sagt. Häufig hört man Frauen, die zu einer rein weiblichen Gruppe „vamanos“ sagen. Fehlt hier das emanzipatorische Bewusstsein? Ist das ein Zeichen anerzogener patriarchalischer Denkmuster? Ich denke, wer solche Diskussionen anfängt, bewertet das Geschlecht einfach völlig über. Es ist lächerlich, dass in den Medien sehr häufig von „Frau Merkel“ die Rede ist, die Männer aber so gut wie nie mit „Herr“ tituliert werden. Was spielt es für eine Rolle, dass Angela Merkel eine Frau ist? Sie ist Bundeskanzlerin (worin das Geschlecht ja ebenfalls steckt). Sie ist ein Mensch, der dieses Amt ausführt. Alles andere ist irrelevant.

Ja, die Sprache sollte niemanden ausgrenzen. Aber es ist ein völlig umständlicher und impraktikabler Ansatz, dabei jeden Einzelnen adressieren zu wollen, wie dies bei „Schülerinnen und Schüler“ oder gar „SchülerInnen“ der Fall ist. Mein orthographisches Schönheitsempfinden zuckt bei Letzterem zusammen. Wie soll man das überhaupt aussprechen, ohne die männlichen Schüler auszugrenzen? Oder haben sie das etwa mal so richtig verdient, weil sie so böse waren, Jahrtausende lang Mädchen Bildung vorzuenthalten? Wenn man den Begriff „Studenten“ nicht so verstehen will, dass er auch Studentinnen umfasst, kann man einen neuen geschlechtsneutralen Begriff wie „Studierende“ verwenden. Bei „Schüler“ wird es aber schon schwierig, einen analogen Begriff zu bilden.

Eine Sprache muss in der Lage sein, Überbegriffe zu bilden.

Manche Gender-Spezialisten bezweifeln gar, dass es ein biologisches Geschlecht überhaupt gebe. Das sei ja alles Konstruktion und durch unsere patriarchalisch geformte Wahrnehmung bestimmt. Bei aller Liebe zur Gleichberechtigung; das geht echt zu weit.

Also: Wenn ich „Mensch“ sage, dann meine ich das so umfassend, wie man es sich nur vorstellen kann. Da sind alle mit drin: Männlein, Weiblein, Weiß, Schwarz, Braun oder anders gefärbt, Baustellenarbeiter, Krankenschwestern, Professoren, Politiker und Arbeitslose, Deutsche, Franzosen, Amerikaner, Chinesen, Inder und Ghanaer, Christen, Muslime, Hindus, Atheisten usw., Hetero-, Homo-, Bi- und Asexuelle, körperlich und geistig durchschnittlich Ausgestattete, Behinderte, Junge, Alte, Große, Kleine, Dicke, Dünne – ja sogar die von der Punkband (!) Die Toten Hosen besungene lesbische, schwarze Behinderte. Und wem das immer noch nicht passt, der hat offenbar sonst keine Probleme.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gesellschaft von Reisig. Permanentlink.

Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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