Die kapitalistische und sozialistische Begriffsverwirrung

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Das Rockefeller-Center in New York. Unternehmen beeinflussen die Politik und behindern ihre Konkurrenz.

Warum Linke „Kapitalismus“ und Libertäre „Sozialismus“ schreien, wenn sie das Gleiche meinen.

Wie kann man zugleich kapitalistisch und patriotisch sein? Lange Zeit habe ich mich gefragt, wie eine Person aufrichtig diese beiden Haltungen miteinander vereinbaren kann. Es liege ja auf der Hand, dass der Kapitalismus die Lebensgrundlagen des Volkes zerstört. Der Konsumwahn mit allen seinen Folgen für Leben, Gesundheit und Identität, die Abwanderung von Arbeitsplätzen durch die Globalisierung und die hemmungslose Ausbeutung der Umwelt seien dafür untrügliche Zeichen. Wer also von sich behauptete, wirtschaftsliberal zu sein und das Wohl des Volkes im Sinn zu haben, der stand in meinen Augen unter dem Verdacht, ein Verräter, ein Kriegsgewinnler zu sein. Die Zinseinkünfte transnationaler Banken und die Gewinne globaler Konzerne mussten ihm am Ende mehr bedeuten als das Wohlergehen seiner Mitmenschen.

In letzter Zeit habe ich mich mit libertärem Gedankengut befasst und kam darüber zu dem Schluss, dass wir es hier mit einer Begriffsverwirrung zu tun haben. Libertäre, d.h. Wirtschaftsliberale, und Linke verwenden unterschiedliche Begriffe für ein und dasselbe und verstehen Unterschiedliches unter den selben Begriffen. Betrachten wir unser heutiges politisches und wirtschaftliches System auf der Welt: Man kann objektiv sagen, dass einige transnationale Unternehmen große Macht auf die Politik ausüben und somit dafür sorgen, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ihre Machtstellung gegenüber der Konkurrenz festigen und ihre Profite erhöhen.

Linke sehen darin puren Kapitalismus. Libertäre dagegen sprechen von Sozialismus. Wie kann das sein? Einerseits üben Unternehmen Macht aus, was nach Kapitalismus aussieht. Andererseits herrscht kein freier Markt, da einige, also durchaus nicht alle, Unternehmen die Politik beeinflussen und sich so Vorteile verschaffen. So wird der Wettbewerb eingeschränkt. Die Tatsache, dass die Politik in die Wirtschaft eingreift, sieht für die Libertären nach Sozialismus aus, da die Planwirtschaft ein Element des Sozialismus ist. Man könnte nun aber sagen, dass diese Art der „Planwirtschaft“ durchaus etwas Kapitalistisches sei, da hier Unternehmen im mehr oder weniger offen ausgetragenen Wettbewerb diese Ungleichgewichte im Markt geschaffen haben, d.h. sie haben die Politik durch ihr eigenes unternehmerisches Handeln selbst korrumpiert.

Es ist einfach Definitionssache. Sowohl „Kapitalismus“ als auch „Sozialismus“ sind Kampfbegriffe, die jeweils für die eine Gruppe das Ziel und für die andere Gruppe den Untergang darstellen. Kompliziert wird es dadurch, dass jeweils etwas anderes darunter verstanden wird. Wenn wir nicht klar für eine Seite Position beziehen wollen, sollten wir bei der Verwendung dieser Begriffe im Hinterkopf behalten, dass sie sowohl für die Beschreibung der Gegenwart, für Utopien als auch für Endzeitszenarien herhalten müssen.

Streng genommen, hat es Kommunismus oder Sozialismus nie gegeben, höchstens Ansätze davon in kleinen Gruppen. Das gilt ebenso für den Kapitalismus. Das Idealbild des Kapitalismus ist der freie Markt, eine Wirtschaft, in die von der Politik nicht eingegriffen wird. Allerdings muss der Staat einen rechtlichen Rahmen setzen, um vollständigen Wettbewerb zu ermöglichen. An diesem Punkt scheiden sich patriotische von anarchistischen Libertären, die jeglichen staatlichen Rahmen ablehnen. Darüber hinaus sind Staatseingriffe der Politik in die Wirtschaft in den Augen Libertärer immer zerstörerisch für das Gesamtsystem. Sie sagen, wenn die Politik nicht eingreifen könne, könne auch auf diesem Wege kein Unternehmen sich unlautere Vorteile verschaffen. Linke dagegen wollen, dass die Regierung in Preisbildung, Vertragsbedingungen, Handel und Löhne eingreift. Sie wollen jedoch nicht, dass Unternehmen die Politik für sich instrumentalisieren. Vielmehr soll die Regierung im Sinne des Gemeinwohls die Wirtschaft regulieren. Ob das einerseits erforderlich oder andererseits überhaupt möglich ist, ist ein Gegenstand weltanschaulicher Differenzen.

Man kann also durchaus der Überzeugung sein, eine wirtschaftsliberale mit einer patriotischen Einstellung unter einen Hut zu bringen. Voraussetzung ist, dass man im freien Markt ein Instrument sieht, für alle Beteiligten das beste Ergebnis zu erzielen und allgemeinen Wohlstand zu schaffen. Man kann dann allerdings nicht das bestehende System unterstützen, in dem der Markt durch unternehmerische Macht in der Politik behindert wird. Es ist wichtig, dass das vor allem Linke erkennen, die libertäre Patrioten kritisieren.

So, und was ist mir selbst? Bin ich jetzt ein Linker oder ein Libertärer? Auf jeden Fall bin ich ein Patriot. Was die Wirtschaft angeht, bin ich vorsichtig, dem Markt so viele heilsbringende Eigenschaften zuzusprechen, wie Libertäre es tun. Fest steht, dass unternehmerische Einflüsse auf die Politik abgestellt werden müssen. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft im Interesse des Volkes wie etwa das Verhängen von Schutzzöllen halte ich für angebracht.

Interessante libertäre Bücher (immer diese Komplotte…):

Reinhard Deutsch: Das Silberkomplott, Kopp Verlag, 2006.

Oliver Janich: Das Kapitalismus-Komplott, 6. Auflage, FBV, 2012.

Gerd-Lothar Reschke: Vom Falschgeldsystem zum freien Marktgeld, 1. Auflage , Engelsdorfer Verlag, 2011.

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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