Wer eine Reise tut, kann was erzählen: So sind die USA

USA-FlaggeAls ich vor ziemlich genau einem Jahr mit dem Frachtschiff von Bremerhaven nach Amerika gefahren und im Begriff war, meine ersten Erfahrungen in den Vereinigten Staaten zu machen, hatte ich mir vorgenommen, aufmerksam hinzusehen und mir meine Gedanken zu machen. Ich schrieb damals: „Ich aber beobachte nach meiner Ankunft in Amerika die sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge im ,Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘. Wo tun sich die Gräben zwischen, white anglosaxon protestants‘ und ,black neighborhoods‘ auf? Wie tickt das Land, das den Rest der Welt ökonomisch, kulturell und militärisch so sehr beeinflusst wie kein anderes? Wie ticken seine Menschen? Und was bedeutet das für uns?“

Heute sitze ich wieder in der Kabine eines Frachtschiffs und fahre nach Hause, zurück nach Deutschland. Ich habe sehr viel dazugelernt und meinen Horizont aufgebohrt. Heute verstehe ich die politische, soziale und wirtschaftliche Welt der Amerikaner besser. Ich habe ihre atemberaubend schöne und so diverse Natur gesehen. Ich habe heruntergekommene Infrastruktur und krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich und Schwarz und Weiß gesehen. Man ist mir sehr oft mit einer für deutsche Verhältnisse überschäumenden Freundlichkeit begegnet.

Stürzen wir uns nun in die Einzelheiten. Betrachten wir das Thema USA unter verschiedenen charakteristischen Gesichtspunkten:

Inhalt:

1. Verkehr

2. Infrastruktur und Architektur

3. Müll

4. Privateigentum und Freiheit

5. Importabhängigkeit der US-Wirtschaft

6. Liberale, Konservative und Libertäre

7. Schwarz und Weiß

8. Indianer

9. Die historische Schuld der Amerikaner

10. Patriotismus und Terrorangst sind der Deckel auf dem „Melting Pot

  1. Verkehr

Um ein strukturiertes Bild vom heutigen Amerika zu entwerfen, werde ich mich meinen Erinnerungen von verschiedenen Seiten aus nähern. Fangen wir mit einem charakteristischen Element an, dem Verkehr. Das Thema Verkehr ist in einem riesigen Land wie den USA natürlich von zentraler Bedeutung. Früher dachte ich, die Wahrheit hinter dem Spruch, das Auto sei des Deutschen liebstes Kind, würde die Deutschen von allen anderen Völkern abgrenzen. Es mag sein, dass die Deutschen besonders viel Geld in ihr Auto investieren. Die US-Amerikaner aber übertreffen die Deutschen ganz klar, was die selbstverständliche Verbreitung und Benutzung von Autos betrifft. Etwas überspitzt formuliert: Wer kein Auto hat, ist entweder obdachlos, schwer drogenabhängig oder überzeugter Voll-Öko. Gebrauchte Autos sind sehr günstig; für unter 2000 $ bekommt man einen rostigen, aber funktionsfähigen Geländewagen. Das Benzin ist unverschämt billig für deutsche Verhältnisse, das Highway-Netz sehr gut ausgebaut. Die Straßenverhältnisse dagegen sind eher miserabel, so dass man vor lauter Schlaglöchern einen gut gefederten Geländewagen auch in der Stadt brauchen kann.

Verkehrsregeln werden in Amerika sehr dehnbar ausgelegt und scheinen für Fußgänger und Radfahrer überhaupt nicht zu gelten. Die letzten Rostkübel und verbeulten und arg in Mitleidenschaft gezogenen Unfallwägen fahren ganz selbstverständlich und von der Polizei unbehelligt herum. Schäden an Autos werden oftmals nur notdürftig repariert, da bei so billigen Autos schnell die Grenze zum wirtschaftlichen Totalschaden überschritten ist. Man sieht demnach allenthalben Autos ohne Kotflügel und mit mit Klebeband zusammengeklebten Fensterscheiben und Scheinwerfern auf der Straße. Als Radfahrer kann man nach Einbruch der Dunkelheit ohne jegliche Beleuchtung und entgegen der Einbahnstraße an einem Streifenwagen vorbeifahren und es interessiert niemanden. Allerdings gibt man es sowohl als Fußgänger als auch als Radfahrer schnell auf, auf das weiße „Walk“-Zeichen der Ampeln zu warten. Die Ampelschaltungen sind nämlich außer in Metropolen wie New York sehr fußgängerunfreundlich geschaltet.

Die Polizei interessiert sich für solche Verstöße nicht, denn sie hat mit Drogenkriminalität und Gewaltverbrechen genug zu tun. Die alltäglich zahllos heulenden Sirenenklänge in den Städten sind ein untrügliches Zeichen dafür. Sie arbeitet einfach auf einer anderen Ebene als die Polizei in Deutschland, die sich im Normalbetrieb mit Ordnungswidrigkeiten und Regelverstößen herumärgern muss. Das heißt aber nicht, dass man etwa überall parken könnte, wo man will. Es gibt nämlich so genannte „Towing Companies“, also Abschleppunternehmen, die Tag und Nacht mit ohrenbetäubend lauten Motoren und Festbeleuchtung durch die Straßen und über Parkplätze fahren und sofort jeden abschleppen, der in nicht autorisierter Weise parkt.

Was das Autofahren angeht, muss man den Amerikanern zu Gute halten, dass sie in den allermeisten Fällen einen ausgesprochen rücksichtsvollen Fahrstil haben. Wo in Deutschland schon längst schwere Beleidigungen bzw. Fäuste hin- und hergeflogen wären, beharrt der Amerikaner im Auto nicht auf sein verkehrsordnungsmäßiges Recht, sondern fährt vorausschauend und vor allem Fußgängern gegenüber rücksichtsvoll. Fußgänger werden auch schon mal über für sie rote Ampeln gelassen, einfach weil sie da stehen. Fahrradfahrer leben dagegen gefährlicher, da sie nur vereinzelt vorkommen und der Autofahrer deshalb in der Regel nicht mit ihnen rechnet. Sehr abenteuerlich wird es, wenn man kein Auto zur Verfügung hat, aber Haushaltsartikel wie Nähgarn oder Kochgeschirr benötigt. Solche Artikel gibt es nämlich nicht etwa in innenstädtisch gelegenen Kaufhäusern wie in Deutschland, die man problemlos mit dem Nahverkehr oder zu Fuß erreichen könnte. Dieses europäische Konzept von Innenstadt gibt es in Amerika nicht. Dort liegen die Kaufhäuser in den Randbezirken der Städte und sind dafür umso größer. Dummerweise sind diese Einkaufszentren ausschließlich darauf ausgelegt, mit dem Pkw erreicht zu werden. Als Fahrradfahrer läuft man somit Gefahr, auf den zahlreichen Spuren der Highways, die dorthin führen, unter die Räder zu kommen.

Verkehrsmittel außer dem Auto haben eindeutig niedrigere Priorität. Das Bahnnetz ist angesichts der Größe der USA erstaunlich schwach ausgeprägt, was mit dem Rückbau der Eisenbahnlinien und dem Ausbau der Fernstraßen nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Zugfahren ist zwar nicht ganz billig, ein Amtrak-Zug hat aber durchaus in puncto Bequemlichkeit gegenüber einem ICE die Nase vorn. Auch die Regionalzüge können sich sehen lassen und sind relativ pünktlich. Über größere Strecken fliegen die Amerikaner, wenn sie es sich leisten können. Die Ärmeren machen es wie ich und fahren mit dem sehr günstigen Greyhound-Bus quer durchs Land. Da trifft man dann auch schon mal Leute, die eine ganze Woche am Stück Bus fahren. Das Schlafen im Bus ist gewöhnungsbedürftig und der Zug ist hierbei eindeutig vorzuziehen. Dafür trifft man im Bus sehr interessante Menschen: Leute, die offenbar noch nie Kopfhörer gesehen haben und ihre Musik völlig selbstverständlich lautstark im Bus verbreiten, mit ihren Kindern überforderte, zur Handgreiflichkeit neigende Mütter, offensichtlich Geisteskranke, die auch ohne Gesprächspartner Gespräche führen und dabei mitunter so laut und aggressiv werden können, dass das Personal sie zur Ordnung rufen muss, und freundliche Hippiepärchen, die ihre Hunde als „Service Animals“ angemeldet haben.

  1. Infrastruktur und Architektur

Da die Amerikaner so freiheitsliebend sind, reagieren viele allergisch auf Steuern. Nach landläufiger Meinung der Republikaner sollte die Regierung so wenig Steuern erheben wie möglich. Da muss man sich nicht wundern, dass die Straßen wie gesagt ziemlich marode sind. Manchmal erblickt jedoch ein reicher Philanthrop ein Schild am Highway-Rand mit der Aufschrift „Adopt a Road“, wird sich seiner Verantwortung für die Gesellschaft bewusst und erbarmt sich, die darunter stehende Telefonnummer zu wählen. Der Gedanke dahinter ist uns vom Sozialstaat Geprägten zwar fremd, er ist aber auch faszinierend einfach: Wenn dich stört, wie die Straße aussieht, auf der du fährst, zahl dafür, dass sie renoviert wird. Was hat jemand am anderen Ende des Staates damit zu tun? Warum sollte er mit seinen Steuern dafür zahlen? Also zahl es gefälligst selbst. Ach, du kannst dir das nicht leisten? Tja, dann hast du leider Pech gehabt. Fahr weiter auf deiner Holperpiste. Aber sei zum Trost versichert, dass der Staat die Rahmenbedingungen für deine potentielle unternehmerische Existenz sicherstellt. Und jetzt genieß deine Freiheit.

Generell ist die Infrastruktur der USA in einem erschreckend schlechten Zustand. Stromleitungen sind außer in Metropolen nicht unterirdisch verlegt, sondern verlaufen von Holzmasten gestützt durch die Straßen. Da man auch etwas Grünes sehen möchte, kommen sich die Straßenbäume mit den Stromleitungen in die Quere. Dabei kommen geradezu grotesk zurechtgestutzte Bäume heraus, die in der Mitte ihres Astwerkes Platz für die Leitungen lassen. Die Masten, die die Leitungen tragen, sind nicht immer die Neuesten. So leuchtete mir sofort ein, dass ein Sturm leicht flächendeckende Stromausfälle zur Folge haben kann. Immer wieder gibt es Aktionen der Energiefirmen (nichtssagenderweise so genannte „Utility Companies“), die die Bäume entfernen wollen. Dagegen schreien die Anwohner und Umweltschützer auf. Letztlich hat man in dieser verfahrenen Situation drei Möglichkeiten: 1. Man bezahlt viel Geld, um die Leitungen unter die Erde zu legen, 2. man fällt die Bäume, was unästhetisch ist, oder 3. man ändert nichts und riskiert Stromausfälle. Da der Preis einer Ware in Amerika ganz wesentlich darüber entscheidet, ob sie nachgefragt wird, ist der Strom billig. In den meisten Fällen wird es deshalb wohl auf den dritten Weg hinauslaufen. Ich frage mich da: Wie konnte es soweit kommen? Warum hat das niemand kommen sehen? Manche Rätsel bleiben.

Das Wort „Storm“ bedeutet verblüffenderweise nicht Sturm, sondern Regen- oder Schneefall. Mit Wind muss das nichts zu tun haben. Vielleicht hören sich die Nachrichten aus Amerika manchmal schlimmer an als sie sind. Nicht nur die fragwürdige Infrastruktur ist dafür verantwortlich, dass extreme Wetterereignisse flächendeckenden Schaden anrichten, sondern auch die Bausubstanz der meisten Häuser. Diese bestehen aus Holz, haben oftmals nur ein Stockwerk und selten einen Keller. Da solch ein Haus kein schweres Ziegeldach tragen kann, sind die meisten Dächer mit Dachpappe gedeckt. Eine ganz typische amerikanische Erscheinung sind die Veranden am Eingang vieler Häuser, „Porches“ genannt. Dort sitzt man gerne in der Freizeit auf wettergegerbten Polstermöbeln, verschlissenen Büro- und Plastikstühlen und grüßt die Vorübergehenden freundlich. Holz ist natürlich ein besonders vergänglicher Baustoff, so dass ständig irgendetwas renoviert werden muss. Wenn das Geld dafür nicht da ist, blättert nicht nur der Lack ab, sondern die Decken und Böden brechen durch, Pfeiler von Veranden modern weg oder brechen ab. Überhaupt sieht man viele baufällige Holzhäuser, was sich natürlich in ärmeren Gegenden häuft. Wohlhabendere Amerikaner wohnen auch häufig in Holzhäusern, diese sind dann aber besser in Schuss. Auf jeden Fall leuchtet es angesichts dieser Umstände leicht ein, dass ein Orkan in den Vereinigten Staaten Zehntausende Menschen obdachlos machen kann.

  1. Müll

Ein weiteres Charakteristikum der urbanen Landschaft der USA ist der Müll. Dieser wird in zwei Kategorien getrennt: Restmüll und Recyclemüll, d.h. Papier, Hartkunststoffe, Metall und Glas. Wer die Prinzipien der deutschen Mülltrennung verinnerlicht hat, dem läuft jedes Mal ein kalter Schauer den Rücken hinunter, wenn er in eine amerikanische Mülltonne blickt. Erstens hält sich kaum jemand an die Müllkategorien, so dass vergammelte Lebensmittel im Recyclemüll landen und sich die natürlich nicht zusammengefalteten Kartons im Restmüll stapeln. Zweitens sammelt sich in Amerika innerhalb kürzester Zeit unglaublich viel Müll an, der täglich von Müllabfuhrwägen abgeholt wird, die um 6 Uhr morgens mit ohrenbetäubend lautem Warnpiepen rückwärts rangieren. Dass es so viel Müll gibt, liegt in erster Linie daran, dass Erdöl so billig ist. Insbesondere von Herbst bis Frühjahr lässt der geübte Blick des Amerikabesuchers ihn immer wieder zerfetzte Plastiktüten in den blattlosen Zweigen der Bäume entdecken. Alles Mögliche ist in Plastik eingepackt und aus Plastik hergestellt. Einweggeschirr- und Besteck ist nicht nur in Imbissen und Restaurants, sondern auch in Privathaushalten weit verbreitet. In etwas gehobenen Restaurants gibt es allerdings Porzellangeschirr und Metallbesteck. Ein Kuriosum bei der Müllentsorgung in den USA ist der Sperrmüll. Eine Sperrmüllabfuhr scheint es nicht flächendeckend zu geben, so dass sich in den Gärten vieler Grundstücke alte Bettmatratzen und Polstermöbel stapeln und dort vor sich hin gammeln. Bei diesem Anblick entwickelt man neben einem Seufzen bald auch ein liebevolles Gefühl von „unser Amerika eben“.

  1. Privateigentum und Freiheit

Es gibt absolut grandiose Naturlandschaften in den Vereinigten Staaten. Ich habe herrliche Wälder und Seen, endlose Wüsten und Steppen, majestätische Berge und bizarre Felsen gesehen. Dieses Land ist riesengroß und geographisch, biologisch und geologisch sehr vielseitig. Es birgt gewaltige Schätze der Schönheit. Zu diesen bekommt man als Normalbürger jedoch weitgehend keinen Zutritt, es sei denn in staatlichen Parks und Nationalparks. Überall schrecken einen Schilder mit der Aufschrift „No Trespassing“ davon ab, wie in Deutschland einfach im Wald spazieren zu gehen. Das amerikanische Selbst- und Weltverständnis konzentriert sich nämlich in zwei Begriffen: Private Property und Liberty – Privateigentum und Freiheit, und zwar in dieser Reihenfolge. Damit ist nicht die Freiheit gemeint, überall hinzugehen oder zu tun, was man möchte, sondern die Freiheit, sein Eigentum frei zu verwenden und zu beschützen. Deshalb macht es in den USA einen wesentlichen Unterschied, ob sich ein Waldgrundstück in privatem oder öffentlichem Eigentum befindet. Land wird in erster Linie als Eigentum und dann erst als ein Stück Erde verstanden. Das drückt die doppelte Bedeutung von Property aus: Eigentum und Grundstück. Ein Grundstück, das niemandem gehört, ist undenkbar. Wenn man das erkennt, versteht man, wie fundamental der Zusammenstoß der Welten der Indianer und der westlichen Siedler mit ihrem sich rasch entwickelnden neuen Selbst- und Weltverständnis war und zum Teil heute noch ist.

  1. Importabhängigkeit der US-Wirtschaft

Das meiste, was man in den USA kaufen kann, ist importiert. Von Hecken überwucherte Industrieruinen in den größeren Städten künden davon, dass die Produktivität der amerikanischen Wirtschaft am Boden liegt. Die dicksten Autos wie der allgegenwärtige Chevrolet Silverado und Badezimmerarmaturen werden zwar immer noch im Land selbst hergestellt, alltägliche Ge- und Verbrauchsgegenstände stammen jedoch meist aus China. Ich als Deutscher freue mich natürlich darüber, dass ich gutes deutsches Vollkornbrot im Bioladen kaufen kann. Ich würde es aber lieber kaufen, wenn es in den USA gebacken worden wäre. Dass auch die Nudeln aus Italien und Paprikas und Tomaten aus Israel importiert sind, trägt nicht zu einem ausgeglichenen Bild der US-amerikanischen Wirtschaft bei. Ich habe nichts gegen Importe an sich, es gibt mir nur zu denken, wenn die Importe und die Exporte in einem so krassen Missverhältnis stehen wie die amerikanischen. Mit umgekehrten Vorzeichen gilt dies übrigens auch für die deutsche oder chinesische Exportwirtschaft. Wer mehr importiert als er exportiert, braucht Devisen, also fremde Währungen. Das gilt jedoch nicht für die USA, da der Dollar die Weltleitwährung ist. So werden immer mehr Dollar erzeugt und die Dollarreserven der anderen Länder wie v.a. China wachsen in den Himmel. Schwierig dürfte es werden, wenn diese Länder mit diesem Geld in den Vereinigten Staaten einkaufen wollen, um ihre Dollar in etwas Nutzbares umzutauschen. Aufgrund der schwachen Produktivität der USA existiert der Gegenwert gar nicht. Aber da die USA wie die Spinne im Netz des weltweiten Geldsystems sitzen und mit ihrer militärischen Stärke dafür sorgen, dass das so bleibt, können sie eine imperiale Wirtschaft betreiben. D.h. sie machen es wie das Alte Rom: Produkte importieren, während die eigene Bevölkerung unter hoher Arbeitslosigkeit leidet. So ist kein Wunder, dass die Industriestandorte in den USA unter Verlagerung in Billiglohnländer leiden. Dem Alten Rom ist dieses Prinzip auf Dauer nicht bekommen.

  1. Liberale, Konservative und Libertäre

Die politische Landschaft der USA ist vor allem zweigeteilt: Rot gegen Blau, Republikaner gegen Demokraten, Konservative gegen Liberale. Liberal heißt jedoch nicht liberal im Sinne der FDP, sondern eher sozialdemokratisch und ein bisschen grün. Es gibt durchaus eine grüne Partei, die hat jedoch wegen des Mehrheitswahlrechts keine Chance. So kommt es, dass umweltbewusste Amerikaner in der Regel die Demokraten wählen, um zu verhindern, dass die Republikaner gewinnen.

Konservativ heißt wirtschaftsliberal (im europäischen Sinne, also gegen Regulierung der Wirtschaft durch den Staat) und restriktiv in sozialer Hinsicht (hoher Stellenwert des Christentums und des Patriotismus).

Außerdem gibt es noch die Libertären, die nur eine Minderheit darstellen und politisch weitgehend zu den Republikanern zählen. Sie haben die radikalste Position inne, indem sie wie die Konservativen wirtschaftsliberal sind, aber auch in sozialer Hinsicht sind sie liberal. Ihre Kerngedanken sind: 1) Dein Körper gehört dir allein, 2) du kannst tun, was du willst, solange du dabei niemanden in seinen Rechten verletzt, 3) mit Freiheit geht volle Verantwortlichkeit einher (deshalb sollen Banken zocken dürfen, dann aber auf keinen Fall gerettet werden), 4) eine Gruppe hat kein Recht, etwas über ein Individuum zu verfügen, das ein Individuum gegenüber einem anderen Individuum nicht verfügen darf, und 5) daraus abgeleitet: Steuern sind Sklaverei. Das libertäre Weltbild ist in sich schlüssig und durchaus gedanklich reizvoll, ich denke allerdings nicht, dass es in dieser Welt praktikabel ist. Das Problem ist nämlich, dass es Opfer gibt, die ihr Recht nicht einklagen können und für die sich kein Mächtiger interessiert. Dazu gehört v.a. die in ihren Ressourcen begrenzte natürliche Umwelt. Außerdem muss ein rechtlicher, womöglich staatlicher Rahmen existieren, der die Rechte der Individuen gewährleistet. Ich empfehle die Lektüre meiner Artikel: „Analyse der politischen Strömungen der USA“ und „Die kapitalistische und sozialistische Begriffsverwirrung“.

  1. Schwarz und Weiß

Obwohl die Sklaverei in den Vereinigten Staaten schon lange abgeschafft ist, fallen einem immer wieder rassische Differenzen auf. Die Segregation ist sehr deutlich. So leben Schwarze vorwiegend in „blackneighborhoods“, die durch heruntergekommene Häuser, Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalität gekennzeichnet sind. Die Straßenzüge der reicheren Weißen heben sich sehr deutlich davon ab. Beide Seiten leben weitgehend in eigenen Welten. Der Zusammenhang von sozialer Herkunft, Bildung und Einkommen tritt klar hervor. So begegnen einem an der elitären und sündhaft teuren Yale-Universität fast nur Weiße und Asiaten unter den Studenten. Die wenigen Schwarzen kommen größtenteils direkt aus den Eliten Afrikas. Das Servicepersonal dagegen besteht hauptsächlich aus Afroamerikanern. Es ist symptomatisch, dass während meines Aufenthalts ausschließlich die Schwarze Hochschulgruppe von Yale eine Benefizveranstaltung für das Personal durchgeführt hat. Auch in den Nationalparks gibt es fast keine schwarzen Besucher, offenbar weil sie es sich nicht leisten können. Viele Schwarze identifizieren sich weniger mit den USA als die weißen Amerikaner. Großen Stellenwert hat für viele ihre afrikanische Abstammung, ein Bezug zu Rap, Jamaika und vereinzelt zu Rastafari. Interessanterweise sind viele Schwarze fromme Christen. Haben sie also die Religion adaptiert, die die Sklaverei in früheren Zeiten moralisch untermauert hat? Ich denke, sie haben einen neuen, eigenen Zugang dazu gefunden. Woran hätten sie sich auch orientieren sollen? Die Religionen ihrer Vorfahren hat man ihnen genommen und in der Neuen Welt wurde ihnen nichts anderes vorgelebt als das Christentum. Zum besseren Verständnis der Sklaverei in Amerika empfehle ich die sehr eindringliche Autobiographie des ehemaligen Sklaven Frederick Douglass.

  1. Indianer

Besonders intensive Erfahrungen habe ich im Reservat der Hopi-Indianer in Arizona gemacht. Dieses kleine Volk hat seine eigene Religion und verwebt spirituelle mit alltäglichen Realitäten auf eine einzigartige Weise. Immer wieder im Jahresverlauf finden in den Dörfern der Hopi rituelle Tänze statt, an denen maskierte und verkleidete Bewohner teilnehmen, während der Rest des Dorfes zuschaut. Die Tänzer schlüpfen selbst in die Rolle von Geistern, die Feuchtigkeit und gute Ernte bringen. Die Hopi gehören zu den wenigen Indianerstämmen, die das Glück hatten, nicht aus ihrer Heimat vertrieben zu werden, weil sie in einer sehr unwirtlichen Gegend leben, für die sich die Siedler nicht interessiert haben. Man glaubt kaum, dass man sich in den Vereinigten Staaten befindet, wenn man mit den Hopi am Mittagstisch sitzt. Viele Hopi sind stark „amerikanisiert“, aber es gibt auch gerade junge Hopi, die ihre uralten Traditionen hochhalten und sich bemühen, sie vor der Übernahme durch den „Westen“ zu schützen. Sei es, dass sie sich selbst wie ihre Ahnen einen Bogen bauen und damit jagen gehen oder dass sie wie ihre Väter Mais, Bohnen und Kürbis nach den Prinzipien des traditionellen „Dry Farming“ anbauen, was zwar sehr arbeitsintensiv ist, aber auch eine spirituelle Verbindung des Bauern mit dem Land und den Pflanzen ermöglicht und erfordert. Die Konflikte, mit denen die Hopi täglich ringen, haben mir auch zu denken gegeben, was das Leben in Deutschland betrifft. Wie sollen Einheimische mit dem Einfluss von Zuwanderern umgehen, um ihre eigene Kultur zu erhalten? Natürlich werden wir in Deutschland nicht von Fremden aus unserem Land vertrieben, systematisch umgebracht oder mit Krankheiten infiziert. Aber dennoch sehen wir uns fremden Einflüssen ausgesetzt, die wir nicht ignorieren sollten. Wir können uns natürlich mit dem Neuen beschäftigen, wir sollten aber auch ein Bewusstsein für das Eigene bewahren und in uns fühlen, ob wir es nicht vielleicht gerade angesichts des Fremden intensiver leben wollen.

  1. Die historische Schuld der Amerikaner

Die Deutschen sind beileibe nicht das einzige Volk, dem man vorwerfen kann, in der Vergangenheit andere Gruppen verfolgt zu haben. Bei den anderen ist es allerdings länger her. Antijüdische Pogrome gab es in Osteuropa schon im Mittelalter. In Frankreich wurden die Hugenotten massakriert. Es gab einen türkischen Völkermord an den Armeniern und es gibt auch eine historische Schuld der Vereinigten Staaten. Diese Schuld ist zweifach: Da ist die Vertreibung (vgl. z.B. „Trail ofTears“) und der Völkermord an den Indianern und da ist die Sklaverei, für die zahllose Menschen aus Afrika entführt und nach Amerika gebracht und dort ausgebeutet wurden. Sicherlich, die Sklaverei ist so alt wie die Menschheit; ohne Sklaven wären die ägyptischen Pyramiden und das Kolosseum in Rom nicht gebaut worden. In Russland wurde die Leibeigenschaft erst im 19. Jahrhundert aufgehoben. Aber das macht es nicht besser, nur weniger einzigartig. Wie ist die Lage heute? Offiziell haben alle Amerikaner gleiche Rechte, egal ob weiß, schwarz oder rot. Man scheint von Indianern sogar zu erwarten, stolz auf die Nation und die Kultur zu sein, die ihnen ihre Eigenständigkeit und ihre Traditionen zerstört hat. Es gibt aber immer noch klare strukturelle Unterschiede, was die Stellung der Schwarzen und der Indianer in der amerikanischen Gesellschaft angeht. Eine Hopi erzählte mir beispielsweise, dass sie in Restaurants manchmal nicht bedient werde. Vergleichen wir die Situation einmal mit der in Deutschland. Dort hat der Zweite Weltkrieg dem Holocaust ein Ende gesetzt und durch alliierte „Reeducation“ setzte eine Besinnung ein, die allerdings über ein vernünftiges Maß hinausschoss und in Form eines Schuldkults und einer Abwertung der eigenen Nationalität pathologische Züge angenommen hat. Warum aber rührt die Aufarbeitung der Verbrechen in den USA nicht an die Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses? Das ist ganz einfach: Das US-System hat daheim stets alle Kriege gewonnen. Und ohne Systemwechsel gibt es auch keine tiefgreifende Umkehr.

10. Patriotismus und Terrorangst sind der Deckel auf dem „Melting Pot

Eine zentrale Frage, die ich mir in den Vereinigten Staaten immer wieder gestellt habe, ist die nach dem Kitt, der die verschiedenen Parallelgesellschaften des Landes zusammenhält. Es ist nicht zu übersehen, dass weiße Christen, Schwarze, Hispanics, mehr oder weniger orthodoxe Juden und Asiaten eher neben- als miteinander leben. Die v.a. aus Mexiko stammenden Hispanics sind fast im ganzen Land recht stark vertreten, also durchaus nicht nur im Süden und Südwesten. Oft sieht man Ausschilderungen, Hinweistafeln und Werbesprüche in spanischer Sprache. Daran dürften sich konservative Amerikaner stören. Wie würden wir ein vergleichbares Maß der türkischen Sprache in der deutschen Öffentlichkeit empfinden? Ich denke, die Situation in Deutschland ist eine andere als in den Vereinigten Staaten. Das Englische ist Weltsprache Nummer Eins und sein Einfluss in der Welt nimmt im Zuge der Globalisierung generell zu. Das Deutsche jedoch ist umgekehrt durch das Englische in vielen Lebensbereichen gefährdet. Jede weitere Verdrängung des Deutschen durch zusätzliche Sprache wie das Türkische verstärkt den Druck auf das Deutsche. Diese im Vergleich zum Englischen gegensätzliche Tendenz im Deutschen sollte uns dazu anhalten, unsere Sprache bewusster zu verteidigen.

Die Tatsache, dass sich in den USA Parallelgesellschaften gegenüberstehen, macht deutlich, dass die Kraft der Idee des „Melting Pot“ an ihre Grenzen gestoßen ist. Innerhalb der Gruppe der europäischen Einwanderer hat die Verschmelzung gut funktioniert. Amerikaner europäischer Abstammung wissen zwar in der Regel erstaunlich gut über Ihren Stammbaum Bescheid, sie vermischen sich aber reibungslos in allen Bereichen. Im Gegensatz dazu sind lateinamerikanische und asiatische Herkunftsidentitäten stark spürbar. Werden diese Identitäten in der Zukunft zugunsten der US-amerikanischen Identität verschwinden? Die Zeit wird es zeigen.

Ein wichtiges Werkzeug der Integration sowohl von Zuwanderern als auch über soziale Klassen hinweg sind in Deutschland Sportvereine. Solche Vereine gibt es in den USA nicht. Es gibt zwar Sportklubs, diese sind jedoch für Ärmere nicht erschwinglich, also gerade für jene, die der Integration am meisten bedürften.

Was ist also der Deckel auf dem amerikanischen Schmelztiegel der Völker? Es gibt zwei Dinge, die zusammen als dieser Deckel wirken. Das erste Element ist der Patriotismus. Überall weht die US-Flagge, auch „Stars andStripes“ oder „Old Glory“ genannt: von Flaggenmästen auf Parkplätzen, vor Wohnhäusern und Kirchen, an Straßen und auf Dächern, auf Friedhöfen und Baukränen. Sie prangt als Aufkleber auf Pkw, Feuerwehrlastwagen und Bussen. Der politische Farbdualismus von Rot und Blau und der amerikanische Weißkopfseeadler tauchen in allen möglichen alltäglichen Bereichen auf. In der Werbung eingesetzt erhöht diese Symbolik offenbar den Absatz, da Amerikaner so auf positive Assoziation mit patriotischer Symbolik geprägt sind. Das trifft zu, auch wenn die beworbenen Artikel beim besten Willen nichts mit Nationalität zu tun haben (z.B. Abfallentsorgung: „All American Waste“, Klohäuschen: „Country Portables“).

Es liegt mir fern, den Patriotismus als Bindemittel zwischen den Angehörigen einer Nation generell zu kritisieren. Patriotismus ist eine ganz normale Erscheinung zwischen Menschen, die sich ein- und derselben Gruppe zurechnen. Dadurch wird die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, zum Opfer füreinander und zur Verteidigung gegen äußere Bedrohungen erhöht. Es ist aber zu verurteilen, wenn Patriotismus von einer Machtelite als Werkzeug benutzt wird, um von Missständen abzulenken. Aber genau das geschieht in den Vereinigten Staaten. Missstände gibt es dort en masse, wie dieser Artikel beispielhaft illustriert.

Neben dem Patriotismus bewirkt die Angst vor Terroranschlägen ein Zusammenrücken der amerikanischen Parallelgesellschaften. Die Anschläge vom 11.9.2001 haben sich ins kollektive Bewusstsein eingebrannt und sind zu einem Mythos geworden, auf dessen Grundlage immer neue Kriege wie in Afghanistan, im Irak und in Libyen geführt werden. Präsident Barack Obama nimmt vielleicht nicht so oft wie George W. Bush das Wort „Terror“ in den Mund, aber an der Politik der USA hat sich nichts geändert. Den anhaltenden „Kampf gegen den Terror“ bekommt man in den Nachrichten ständig serviert. Zudem herrscht eine Terrorismus-Paranoia im öffentlichen Raum. So weisen Schilder mit der Aufschrift „See something, say something.“ an Bahnhöfen und in Zügen darauf hin, dass der Feind unter uns ist. Durch das Zusammenspiel von Patriotismus und Terrorangst wird das Zusammengehörigkeitsgefühl gefördert und die Bereitschaft erhöht, den eigenen Verstand abzuschalten, wenn das Land einer mehr oder weniger realen Bedrohung gegenübersteht.

Was bleibt

Unschätzbar wertvoll sind die Gespräche mit Demonstranten für „Public Money“ vor der Federal Reserve in Washington, mit bettelnden Veteranen, mit zerlumpten, fast zahnlosen Bettlern, mit einem libertären Mormonen im Bus auf der Fahrt nacSquirrelh Salt Lake City, mit frommen Ex-Knastbrüdern und mit jungen und ihres kulturellen Erbe bewussten Hopi, die von der Weltuntergangs-Prophezeiung ihres Volkes erzählen. Und dann sind ja noch die putzigen grauen amerikanischen Eichhörnchen, die in Parks und Wäldern, auf Stromleitungen und in Straßenbäumen herumspringen und mit ihrer Quirligkeit mein Gemüt immer wieder erheitert haben.

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Über Reisig

Reisig erblickte 1983 in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums und dem Abitur führte ihn die Bereitschaft, seinen Dienst an der Gemeinschaft zu tun, zur Bundeswehr, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. In den folgenden Jahren studierte er ein naturwissenschaftliches Fach. Während des Studiums engagierte sich Reisig einige Zeit in der politischen Linken. Dies ergab sich ihm aus seiner Ablehnung eines unreflektierten Untertanengeistes und der wirtschaftlichen Ausbeutung des unmündigen Bürgers. Dabei galt ihm stets das Wohl des deutschen Volkes als höchstes Ziel. Die Erkenntnis, dass weite Teile der Linken dieses Ziel nicht teilen wollen und dass er nunmehr keine faulen Kompromisse mehr machen wollen würde, ließ Reisig vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand nehmen. Eine neue politische Heimat fand Reisig bei den Jungdeutschen. Er hat an einer deutschen Universität in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert, ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland.

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