Den Volks-Begriff begreifen – Teil 1: Die Ausgangslage

Denkanstoesse-01Volk. Aktuell wird wieder häufiger davon gesprochen. Oder eben auch nicht. Während einige sich als Angehörige eines deutschen Volkes von anderen Angehörigen desselben verraten fühlen, leugnen andere die pure Existenz von Völkern. Für letztere gibt es nur Staatsbürger, die mit einer Mitgliedschaft in einem Verein vergleichbar  ist. Unter der Debatte darüber, ob und inwiefern Deutschland nun ein Einwanderungsland ist, meist unter Berücksichtigung eines multikulturellen Ansatzes, ergab sich zunehmend die Rede von der „Bevölkerung Deutschlands“. Eine Gemeinschaft, die „Deutsches Volk“ genannt werden könnte, gebe es nicht (mehr). Gleichzeitig spielt das Volk aber weiterhin im Gespräch über Demokratie und nationale Souveränität eine wichtige Rolle. Auch in der Integrationsdebatte kam man immer wieder auf das Deutsche Volk zu sprechen. Während für die eine Seite nur eine „deutsche Bevölkerung“ existierte, gab es für die ganz andere Seite nur eine rassisch-exklusive Volksgemeinschaft.

Dabei wurde eine große Uneinigkeit über die Auslegung der Begriffsdefinition deutlich. Daher wollen wir mit dieser Reihe endlich Klarheit schaffen. Nicht im Sinne einer ethnologischen Untersuchung, sondern einer Wiederentdeckung früher sehr bekannter und selbstverständlicher Fakten. Dabei werden wir mit gängigen Gegenargumenten, Vorwürfen der Konstruktion und Irrungen aufräumen. Zudem werden wir sie in den sachlich richtigen Stellen anpassen. Weiter legen wir Wert auf Verständlichkeit.

Teil 1: Die Ausgangslage

Welche Begriffe und Eigenschaften werden dem „Volk“ immer wieder zugesprochen? Eine detaillierte Herleitung wird aus Platzgründen hier unterlassen.

Allgemeine Definitionen
Meyers Konversationslexikon (1894): “Die Gesamtheit der zu einem Staat verbundenen Menschen im Gegensatz zur Nation, auch die Regierten im Gegensatz zur Regierung”.

Weiteres Konversationslexikon um 1900: “Volk (populus): Ein nach Abstammung und Sprache, Sitte und Bildung zusammengehöriger Teil der Menschheit. Es wird aber auch noch Volk und Nation unterschieden und unter Ersterem die Gesamtheit der Angehörigen eines Staates verstanden (siehe Nation). Auch bezeichnet man als Volk die große Menge der bürgerlichen Gesellschaft im Gegensatz zu den durch politische Stellung, Reichtum und Bildung hervorragenden Klassen.”

Duden (2015): Volk: “Durch gemeinsame Kultur und Geschichte [und Sprache] verbundene große Gemeinschaft von Menschen. Masse der Angehörigen einer Gesellschaft, der Bevölkerung eines Landes, eines Staatsgebietes. Die [mittlere und] untere Schicht der Bevölkerung.

Synonyme
Völkerschaft, [Volks]stamm; (Völkerkunde) Ethnie
Bevölkerung, Einwohnerschaft, Staatsvolk; (umgangssprachlich) Nation
Allgemeinheit, breites Publikum, Leute, Menschen[menge], Öffentlichkeit, Volksmasse; (oft abwertend) die breite Masse”

Volksgruppe:
– durch ethnische Merkmale gekennzeichnete Gruppe innerhalb eines Volkes; nationale Minderheit
– Synonyme: Stamm; Völkerschaft, Volksstamm

Volkstum:
Wesen, Eigenart des Volkes, wie es sich in seinem Leben, seiner Kultur ausprägt

Völkerschaft
Synonym für Nation, Volk oder Stamm
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: Art 116
“(1) Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist, vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.”

Unser Ansatz
Bei der Betrachtung der nationalen Identität muss man von der individuelle Identität ausgehen und dann den Volksbegriff aufdecken. Gemäß unseres Identitätstetraeders setzt sich die nationale Identität des Einzelnen aus Abstammung, Lebensraum, Kultur und Universellem (Eigenschaften, die Angehöriger mehrere Völker gemeinsam haben können: Religion, Menschenrechte usw.) zusammen.

Um zum deutschen Volk zu gehören, muss ein Mensch ein Muss-Kriterium (Kultur) und mindestens ein Kann-Kriterium (Abstammung, Lebensraum und Staatsangehörigkeit) erfüllen.

Die Zugehörigkeit zur Kultur ist das einzige Muss-Kriterium. Um dieses Kriterium zu erfüllen, genügt die Bereitschaft zur Bindung an diese Kultur, der Identifikation mit „den Deutschen“ als Geschichtssubjekt und aktiv die deutsche Sittlichkeit, d.h. die Art und Weise des Lebens sowie die Grundlage für den menschlichen Umgang zu teilen, anzunehmen. Die Sprache allein reicht nicht.
Darüber hinaus gibt es Kann-Kriterien für den Volksbegriff, d.h. Eigenschaften, die ein Individuum erfüllen kann, das dem Volk angehört: Abstammung, Lebensraum, Staatsangehörigkeit.
Universelles gibt es auch auf der Volksebene, es ist jedoch nicht für ein Volk charakteristisch, da mehrere Völker sich universelle Eigenschaften teilen (wie gesagt). Außerdem können innerhalb eines Volkes einander ausschließende universelle Eigenschaften vorliegen (z.B. Christen und Muslime).

Als Grafik: Identitäts-Doppeltetraeder (Eine Art Hexaeder): y-Achse (oben): Universelles; x-Achse (mittig): Staatsangehörigkeit, Lebensraum, Abstammung; z-Achse (unten): Kultur.

Identitäts-Doppeltetraeder-01

Beispiele dafür, wann wir von Deutschen sprechen können:

  • Der “autochtone” Deutsche erfüllt alle vier Kriterien.
  • Der „Russlanddeutsche“ erfüllt Abstammung und Kultur. Deshalb bekommt er die Staatsangehörigkeit verliehen.
  • Der nach Deutschland eingewanderte Migrant erfüllt Lebensraum und Staatsangehörigkeit. In die Kultur wächst er mehr oder weniger hinein. Erst dadurch wird er zum Volksgenossen.
  • Die Nachkommen eines nach Deutschland eingewanderten Migranten erfüllen Abstammung (da die Eltern bereits zwei Kriterien erfüllen), Lebensraum und Staatsangehörigkeit. Zum deutschen Volk gehören sie aber dennoch erst, wenn sie auch das Kriterium der Kultur erfüllen.

In der Fortsetzung: Warum ist die „Kultur“ ein Muss-Kriterium? Was ist eigentlich Kultur?  und schließen wir damit an die „Leitkultur“-Debatte an?

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Über cundar

Cundar wurde 1988 in Oberfranken geboren und gehört der gemeinen 3. Generation mit Migrationshintergrund (Niederschlesien) an. Während seiner Schullaufbahn konnte er nahezu alle Facetten des deutschen Schulsystems kennenlernen und erlangte dadurch schon einen kritischen Blick auf Abläufe und Zusammenhänge im System BRD. Sein näheres Umfeld, Zivildienst und Pfadfinder prägten sein Verständnis von Gemeinschaft. Seit 2009 studiert Cundar eine sehr interdisziplinäre Fachrichtung im Osten der Republik.

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