Thomas Manns Protest gegen den Zivilisationsliteraten

Als Thomas Mann seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schrieb, war er noch streng deutschnational und kriegsbejahend gesinnt. Das sollte sich bald ändern: Schon kurze Zeit später distanzierte sich Mann von seinem schriftstellerischen Beitrag zum Ersten Weltkrieg und avancierte zum Vernunftrepublikaner, der die Weimarer Republik publizistisch gegen ihre Feinde von rechts und links verteidigte. Manns frühe Betrachtungen sind allerdings nicht einfach als dumpfe Kriegspropaganda abzustempeln, sondern stellen große Literatur dar, die darüber hinaus immer noch wichtige Einsichten politischer und kultureller Art zu vermitteln in der Lage ist. Mit Blick auf seinen Bruder Heinrich –damals pazifistisch eingestellt und ein eifernder Gegner des heraufziehenden Krieges – entwarf Mann die Figur des Zivilisationsliteraten, der gegen sein eigenes Land als intellektueller Agent der Westmächte publizistisch zu agitieren begann. Natürlich ist diese Figur stereotypisch überzeichnet; wir dürfen aber davon ausgehen, dass dieser Typus damals zuhauf Repräsentanten fand – und bis heute findet. Thomas Mann verketzert das Zivilisationsliteratentum jedoch nicht als „Verräterei“ und schiebt sie auf die Feindseite ab, sondern fragt nach den tieferen Ursachen dieses Phänomens.

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Nietzsches ‚Biopolitik’

Denkanstoe¯e„Entartete Kultur“ – so charakterisierte Kardinal Meißner 2007 den unfruchtbaren Zustand modernen Kunstlebens. Sofort schallten die Alarmglocken der öffentlichen Meinung, die reflexartig den Bannfluch über die vermeintliche Nazivokabel aktualisierte. Ent-artung – was soviel meint wie „aus der Art schlagen“ – wurde tatsächlich von dem nationaljüdischen Arzt Max Nordau geprägt, und zwar im Rahmen einer Semantik, die bewusst das physiologische und kulturelle Feld miteinander verschränkte. Er transferierte die ursprünglich medizinische Vokabel auf kulturell-künstlerische Phänomene, um vor einer für die Menschheit ungesunden Kulturentwicklung zu warnen. Unter anderem geriet Friedrich Nietzsche unter Nordaus Entartungsverdikt. Der Philosoph, der sich selbst als „Arzt der Kultur“ verstand, hatte nicht zuletzt selbst von einer „Degenereszenz der Instinkte“ als einer Ursache kultureller décadence gesprochen und empfahl den Übermenschen als Remedur zugunsten einer „Höherzüchtung der Menschheit“. Es sieht so aus, als könne man eine Kontinuität zu eugenischen Programmen und Sozialhygienemaßnahmen herstellen, die im 20. Jahrhundert verhängnisvolle Folgen zeitigen sollten. Es scheint, als wäre das Entartungstheorem das darwinistische Pendant der radikalen Rechten zum marxistischen Entfremdungstheorem der radikalen Linken. Beide eröffnen eine ‚engineering’-Perspektive auf Mensch und Gesellschaft, die heute im gender-mainstreaming oder den Anthropotechniken fröhliche Urständ feiert und das befürchten lässt, was C. S. Lewis die Abschaffung des Menschen nennt. Weiterlesen

Zitat zum Sonntag

„Problematisch wird der Liberalismus erst, um es auf eine einfache Formel zu bringen, wenn er libertär geworden ist und deshalb die Fähigkeit verloren hat, mit geschichtlichen Krisen fertig zu werden. Eine Gesellschaft, in der der Liberalismus den Charakter einer ideologischen Hegemonialmacht angenommen hat, ist nicht fähig, Krisenlagen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der Liberalismus braucht als korrigierende, ihn ständig an die Wirklichkeit erinnernde Gegenmacht einen vernünftigen, über sich selbst aufgeklärten Konservativismus. Ein Liberalismus, der dieses Korrektiv verneint, schafft sich selbst ab, weil er in liberalem Überschwang all die Kräfte, Werte und Güter verneint, deren er bedarf, um den Sinn einer liberalen Philosophie überhaupt zu begründen. Die größte Heimsuchung der Liberalen ist, daß sie die Neigung haben, dem Brandstifter das eigene Haus zu öffnen. Das ist eine große Einsicht des Schweizer Dichters Max Frisch. Deshalb braucht der Liberalismus als Gegenhalt einen ihm auch geistig gewachsenen Konservativismus.“

Günter Rohrmoser

Zitat zum Sonntag

„Wir müssen wirklich ganz von vorne anfangen. Wir können ganz von vorne anfangen: uns fehlen alle polemischen Affekte gegen die Tradition (haben wir doch nichts, von wo aus wir polemisch ein könnte); und zugleich ist uns die Tradition völlig entfremdet, völlig fragwürdig. […] Wir sind noch viel tiefer unten als die Höhlenbewohner Platons.“

Leo Strauss, 1930.

Zitat zum Sonntag: Der Polytheismus der Moderne

„Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. Das aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird, und der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen Alltag gewachsen zu sein. Alles Jagen nach dem »Erlebnis« stammt aus dieser Schwäche. Denn Schwäche ist es: dem Schicksal der Zeit nicht in sein ernstes Antlitz blicken zu können.“

Max Weber: Wissenschaft als Beruf.

Zitat zum Sonntag: Ernst Nolte über den Islam

„Ist es nicht eine schlimme Ungerechtigkeit, wenn dem lebensvolleren und insofern aufsteigenden Volk von einem alternden und nicht einmal zur Selbsterhaltung fähigen Volk der Weg zur Selbstverwirklichung versperrt wird? Ist es überhaupt moralisch vertretbar, den biologisch überlegenen Völkern bzw. Kulturen Widerstand zu leisten? Die Antwort auf diese Fragen ist nicht wissenschaftlich begründbar, sondern sie verlangt eine Entscheidung, die man »existenziell« nennen mag: Ich glaube, daß ein solcher Widerstand gerechtfertigt und notwendig ist, denn »alte Völker oder Kulturen« können die »jungen Völker oder Kulturen« auf vielfältige Weise belehren, und sie müssen diese nicht zuletzt vor einer der schlimmsten Vorstellungen der faschistischen Regime bewahren: daß das biologisch stärkere (oder das technisch fortgeschrittenste) Leben das Recht hat, sich durch kriegerische oder auch friedliche Invasionen einen neuen »Lebensraum« zu verschaffen. So wäre das »Nein« von heute eine »Ja« zur Zukunft Europas. Die dadurch gewonnene Chance ist jedoch zeitlich begrenzt. Wenn sich nicht ein autonomer Wille zur eigenen Zukunft in Europa zu entwickeln vermag, wird der biologistische Ansatz mit Macht sein Recht einfordern, und Europa wird auch physisch ein Ende finden, wie es ja heute schon jene Gruppierungen unbewegt ins Auge fassen, die der historischen Prägung und gar der genetischen Eigenart keinerlei Wert zuschreiben, weil sie einst zu Feindschaften und Krisen den Anlaß geführt haben. Aber ich habe nun anscheinend die kulturelle Frage nach dem heutigen Islam durch
die biologische Frage nach Lebenskraft und Lebensschwäche oder Dekadenz ersetzt. Dieser Hinweis wäre indessen nur dann richtig, wenn eine sehr einfache und
altbekannte Konzeption zugrunde gelegt würde: daß junge und von der Zivilisation
erst kaum berührte Völker oder Kulturkreise die überzivilisierten und dekadenten
Völker bzw. Kulturkreise abzulösen oder zu verdrängen bestimmt sind. Der Islam
ist jedoch alles andere als ein von der Zivilisation erst kaum berührter
Kulturkreis, und die größere Fruchtbarkeit der islamischen Frauen hat, ohne
Zweifel viel mit der Lehre Mohammeds zu tun, welcher jene »Unterdrückung der
Frau« entspringt, die von dem westlichen Individualismus so heftig abgelehnt
wird und von der man in der Tat sagen kann, sie betrachte die Frauen nicht als
selbst verantwortliche Personen, sondern als eine Art Keimzellen, die gegen alle
Gefahren auf das sorgfältigste geschützt werden müßten. Das würde von
muslimischen Theologen kaum bestritten werden, aber sie würden wohl hinzufügen,
was ein deutscher Diplomat, der zum Islam konvertiert war, mit den Worten zum
Ausdruck brachte, im Islam schauten die Männer den Frauen nicht auf die Beine,
sondern in die Augen. Die biologische Stärke wäre also nicht nur kulturell
begründet, sondern sie schlösse auch eine moralische Überlegenheit in sich. So läßt sich, wie ich meine, in den Augen derjenigen, die auf beiden Seiten
sowohl dem bedenkenlosen Angriff wie der rückhaltlosen Selbstverteidigung ihre
Zustimmung verweigern, in der Frage des Verhältnisses zweier so
unterschiedlicher Denk- und Lebensformen wie des säkularisierten Europa und des
immer noch religiös-politischen, dem Projekt der Welteroberung immer noch
anhängenden Islam nur eine scheinbar paradoxe Doppelantwort finden: ein Nein zu
kurzfristigen und nicht zuletzt strategischen Zwecken der USA dienenden
Projekten wie dem baldigen Beitritt der Türkei zur »Europäischen Union« und ein
Ja zu der langfristigen Notwendigkeit, einen Ausgleich zwischen den einst so
feindlichen, aber trotz aller historischen Wandlungen in ihrer Verschiedenheit
fortexistierenden Kulturen anzustreben.“

 

Zitat zum Sonntag: zum Liberalismus

„Das eigentliche Problem des Liberalismus ist, daß eine liberale Praxis nur möglich ist, wenn gewisse Traditionsbestände an Gewohnheiten und tief eingerasteten Sitten noch vorhanden sind, mit deren Hilfe die Gesellschaft ihre Schwierigkeiten meistert. Salopp gesprochen: sechs konservative Jahrhunderte erlauben es zwei Generationen, liberal zu sein, ohne Unfug anzurichten. Sind aber jene Bestände in der permissiven Gesellschaft einmal aufgezehrt, so werden die bestgemeinten liberalen Parolen zu Feuerlunten.“

Armin Mohler: Gegen die Liberalen.